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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Früherkennung bei jungen Männern



Tinka
24.08.2017, 19:33
Liebe Forumsmitglieder,

ich war sehr lange Zeit nicht hier und glaube kaum, dass sich jemand an meinen Benutzernamen erinnert.

Mein Mann Michael starb im Herbst 2008 an einem metastasierten PCA, ca. 1,5 Jahre nach der Diagnose, im Alter von nur 46 Jahren.

Nun habe ich mich seitdem - vielleicht verständlich - mit dem Thema überhaupt nicht mehr befasst. Allerdings sind meine Söhne inzwischen 19 und fast 18, so dass ich anfange mich zu fragen:

Ab wann ist mit dieser direkten familiären Vorbelastung eine regelmäßige Diagnostik sinnvoll bzw. ratsam (egal, ob die Kasse es übernimmt oder nicht) und wie häufig?

Was ist hierfür inzwischen der Goldstandard? Ich kenne aus der Erinnerung nur die rektale Tastuntersuchung in Verbindung mit der Abnahme des PSA-Werts, aber das ist ja nun zehn Jahre her.

Gegooglet habe ich noch nicht, die Frage kam mir eben nur in den Sinn und dann fiel mir das Forum ein, das ich damals immer als sehr hilfreich empfunden habe.

Für erste Tips wäre ich dankbar
Tinka

nomade
25.08.2017, 05:25
Ab wann es mit familiärer Vorbelastung sinnvoll ist und wie oft, muss Dir ein Kompetenterer als ich beantworten.
Ich kann Dir nur sagen, dass die PSA Messung unverzichtbar ist. Bei mir waren sowohl Tastuntersuchung als auch Ultraschall unauffällig,obwohl schon beide Seiten befallen waren.
Sollte die Kasse das nicht tragen wollen, würde ich bei eurer Vorbelastung Rabatz machen.

Arne80
25.08.2017, 07:40
Hallo Tinka,

aufgrund meiner eigenen Vorgeschichte möchte ich hier gerne antworten. Ich komme auch aus einer "PCa-Familie" (Vater mit 47, Onkel, Opa), das Thema "Frühest-Früherkennung" hat mich seit meinem 20. Lebensjahr beschäftigt und tut es auch nach meiner OP noch, um meinem eigenen Sohn irgendwann einmal eine Hilfe sein zu können.
Erst einmal möchte ich sagen, dass die Wahrscheinlichkeit Deiner Söhne, auch an PCa zu erkranken, natürlich erhöht ist, dies aber keine Garantie für eine Erkrankung darstellt! Man darf und muss ihnen auch keine Angst machen, sondern sie einfach ganz objektiv auf das erhöhte Risiko hinweisen. Sie haben ganz ausgezeichnete Chancen, aus dieser Sache komplett gesund herauszukommen.

Zu Deiner Frage: erst einmal braucht man einen Urologen, der einen ernst nimmt. Mich hat man belächelt, als ich mit 30 meinen ersten PSA-Test machen wollte. Irgendwann hatte ich einen kompetenten Urologen gefunden, der mich verstanden und entsprechend beraten hat. Je nach Glück kann die Suche nach einem entsprechenden Arzt mehr oder weniger lang dauern.
Konkret ist ein Basis-PSA-Wert in jungen Jahren außerordentlich wichtig, um spätere Anstiege erkennen zu können. In Eurem Fall würde ich den Söhnen raten, mit Mitte bis Ende 20 einen ersten PSA-Wert ermitteln zu lassen. Hier wird mit sehr großer Wahrscheinlichkeit noch nichts bösartiges vorhanden sein und man hat einen guten Referenzwert für später. Danach würde ich im 2-jährigen Turnus PSA-Messungen vornehmen, ab ca. Mitte 30 vielleicht sogar jährlich. Hintergrund ist, dass sich in diesen Jahren Abweichungen sehr gut erkennen lassen, da eine gutartige Prostatavergrößerung noch unwahrscheinlich ist und PSA-Anstiege daher nur von Entzündungen oder Krebs kommen können (Sondereinflüsse wie Fahrradfahren, GV etc. beeinflussen das PSA auch, daher 48 Stunden vorher lassen).
Im Fall von dauerhaft erhöhten PSA-Werten > 1-1,5 ng/ml in jungen Jahren (wie gesagt, unwahrscheinlich, aber möglich) würde ich dann eine mpMRT-Untersuchung heranziehen, um mögliche Veränderungen im Organ feststellen zu können.

Möglicherweise gibt es in wenigen Jahren schon spezifischere Tests als den PSA-Wert. Bis dahin aber stellt dieser Marker eine -aus meiner Sicht- sehr gute Kenngröße dar, wenn man den Verlauf gemeinsam mit dem Arzt richtig interpretieren kann.
Für mich persönlich beginnt Früherkennung nicht erst bei Schwellenwerten von 2,5 ng/ml - 4 ng/ml oder höher, sondern bereits in der Grauzone darunter. Hierfür ist aber der Basiswert aus jungen Jahren eine große Hilfe, hier lassen sich Abweichungen nach oben (Messungen immer im gleichen Labor!) sehr gut erkennen und früh genug reagieren.
Die Kosten werden vermutlich nicht übernommen werden, sollten aber bei ca. 29 EUR pro PSA-Test auch keine Rolle spielen. Mein Urologe hatte irgendwann gar nichts mehr für die Untersuchung verlangt.

Eine rektale Untersuchung gehört immer zum Standardwerkzeug der Urologen, bringen aber vermutlich erst in späteren Stadien etwas. Trotzdem ist es natürlich sinnvoll, das alle paar Jahre mal mitmachen zu lassen. Bei mir war immer alles "butterweich", Ultraschall i.O. usw., nur aufgrund der ganz leichten PSA-Dynamik hatte ich meinen ersten Verdacht geschöpft und hier leider voll ins Schwarze getroffen.
Wichtig ist, nicht in Angst zu leben, dafür besteht kein Grund. Die Martini-Klinik hat vor einigen Jahren einen Mechanismus entdeckt, wann und warum junge Männer an PCa erkranken, nach deren Beobachtung sind es aber zum großen Teil "Low-Risk"-Tumore.
Bei Interesse suche ich die Studie noch einmal heraus.

Meinen sehr individuellen Weg (s. Profil) darf und will ich keinem empfehlen, zu einer solchen Aktion besteht kein Grund. Mit etwas Umsicht und regelmäßigen PSA-Kontrollen werden Deine Söhne dieses Thema garantiert auch so erfolgreich hinter
sich lassen können.

Alles Gute für Euch!

Grüße
Arne

RalfDm
25.08.2017, 09:08
Liebe Tinka,

natürlich erinnere ich mich noch an Dich und an die dramatische Entwicklung um Michael.

Zur Früherkennung hat Arne ja schon einiges Gute und Richtige geschrieben. Wichtiger als absolute PSA-Werte ist die PSA-Dynamik, und da eignet sich die Excel-Tabelle, auf die ich in einem anderen thread Reinhold2 hingewiesen habe, auch sehr gut, um die Entwicklung zu verfolgen und zu dokumentieren. Bei der Geschäftsstelle des BPS kannst Du die Früherkennungsbroschüre der DGU anfordern. Auch der BPS hat einmal eine solche Broschüre erstellt, die zwar nicht mehr neu aufgelegt wird, als PDF-Datei aber hier (https://www.prostatakrebs-bps.de/images/pdf/medizinisches/vorsorge_und_frueherkennung/bundesverband_prostatakrebs_selbsthilfe_frueherken nungsbroschuere.pdf) immer noch heruntergeladen werden kann. Hier (https://www.prostatakrebs-bps.de/images/pdf/medizinisches/vorsorge_und_frueherkennung/bundesverband_prostatakrebs_selbsthilfe_errata.pdf ) gibt es ein Errata-Blatt dazu.
In beiden Broschüren wird als "Gold-Standard" für junge Männer mit erblicher Vorbelastung die regelmäßige digital-rektale Untersuchung ab dem 40. Lebensjahr genannt, die eher eine Späterkennung ist. Die PSA-Messung und -buchführung auf eigene Kosten und eigene Initiative ist darum unerlässlich.

Ralf

W.Rellok
25.08.2017, 09:25
Liebe Mitstreiter,

wie ihr vielleicht wisst, spreche ich aus der Erfahrung eines Internisten, der seine Hausarztpraxis vor einiger Zeit übergeben hat.

Wenn ich nun wieder die Diskussion um die Sinnhaftigkeit der PSA-Bestimmung und die dabei wesentliche DYNAMIK begleite, dann möchte ich auf Arne verweisen


Über Arne80

<dl style="margin-right: 0px; margin-left: 0px; width: 588px; clear: both; color: rgb(51, 51, 51); -webkit-text-size-adjust: auto; background-color: rgb(250, 250, 250);"><dt style="margin: 0px; padding: 0px; width: 250px; float: left;">PK-Historie:</dt><dd style="margin: 0px; padding: 0px;">- Laufende PSA-Früherkennung seit dem 31. Lebensjahr aufgrund erheblicher familiärer Disposition (3 PCa-Fälle väterlicherseits).

-PSA-Verläufe:

2011: 0,9 ng/ml
03/2016: 1,4 ng/ml
04/2016: 1,2 ng/ml
11/2016: 1,5 ng/ml
01/2017: 1,2 ng/ml (Quotient fPSA: 22%)
03/2017: 0,98 ng/ml (Labor Martini-Klinik, prä-OP)

- 07.03.2017: Präventive RPE (ohne vorangegangene Biopsie etc.) an der Martini-Klinik in Hamburg
- OP bds. nervschonend (NEUROSafe), Potenz bereits während KH-Aufenthalt teilweise vorhanden
- Entfernung des Katheters am Tag 5 post-OP
- Entlassung aus KH nach 7 Tagen Aufenthalt ohne Schmerzen
- leichte Inkontinenz in den Tagen nach der OP vorhanden (Kälte, Blase zu voll etc.)

- März 2017: Histologie der entnommenen Prostata:

- Adenokarzinom der Prostata (8 mm), Gleason 3+3=6
- Adenokarzinom der Prostata (1,4 mm) apikal, Gleason 3+3=6
- vereinzelte High-Grade Pin, verteilt über die Prostata
- beginnende gutartige Prostatavergrößerung

- April 2017: Potenz wieder hergestellt, leichte Inkontinenz (1 Vorlage/Tag)

- Juni 2016: Inkontinenz nur noch in vereinzelten Situationen spürbar, keine Vorlagen mehr benötigt


PSA post OP:

12.06.2017: < 0.07 ng/ml</dd></dl>

Meine Frage: wer von meinen Kollegen ist bereit, bei diesen Ausgangswerten dem Patienten Aufmerksamkeit zu widmen und ihn aktiv zu unterstützen?

Winfried

Tinka
25.08.2017, 10:13
Lieber Arne,

hab Dank für deine ausführliche Nachricht. An der Studie bin ich interessiert, es wäre sehr nett, wenn du sie suchen könntest.

Liebe Grüße
Tinka

Arne80
25.08.2017, 13:03
Hallo Winfried,


Meine Frage: wer von meinen Kollegen ist bereit, bei diesen Ausgangswerten dem Patienten Aufmerksamkeit zu widmen und ihn aktiv zu unterstützen?

Unterstützen wobei? Aufmerksamkeit sollte er jedem Patienten schenken, der erblich vorbelastet ist. Zum Präventiveingriff kann und wird natürlich kein Arzt raten, das ist aber auch hier eine höchst individuelle Geschichte und soll in diesem Thread keine Rolle spielen.
Ich halte einfach wenig von definierten Grenzwerten mit der Folge, dass allem darunter keine Beachtung geschenkt wird. Man kann meiner Meinung nach sehr früh Hinweise auf ein Prostatakarzinom entdecken und muss dafür nicht warten, bis der Wert irgendwann endlich bei 4 ng/ml angekommen ist, bevor erweiterte Diagnostik wie MRT eingesetzt wird. Das gilt insbesondere bei erblich vorbelasteten Männern.

@Tinka:

Die angesprochene Studie bzw. Veröffentlichung der Martini-Klinik findest Du hier:

https://www.martini-klinik.de/fileadmin/Dateien/PDFs/Literatur_des_Monats/2014/Publikation_des_Monats_08_2014_Schlomm.pdf

Wie gesagt, es ist kein Grund, um in Angst zu verfallen...vielleicht werden Deine Söhne auch nie betroffen sein! Wenn doch, sind aus meiner Sicht ein guter Arzt, eine wirkliche Früherkennung und das Bewusstsein, sich damit in gesundem Maß beschäftigen zu wollen, wichtig. Dann hat man alle Karten selbst in der Hand.

Viele Grüße
Arne

Hvielemi
25.08.2017, 13:06
Liebe Tinka

Zur echten Früherkennung von Prostatakrebs gibt es derzeit keinerlei Hilfsmittel.
Was so bezeichnet wird, ist im Grunde eine Späterkennung bzw. eine
"Etwas-Früher-Erkennung" als das simple Zuwarten, bis es irgendwo
Beschwerden gibt.
Das Problem:
Schon am Ende der Pubertät, wenn das Testosteron aus Knaben Männer
macht, bildet sich der Prostatakrebs unter dem Einfluss dieses Hormons.
Der wächst über Jahre unbemerkt vor sich hin, zu klein noch, um
ertastet zu werden, und auch mit den allerfeinsten PSA-Messungen
nicht zu finden, weil die gesunde Prostata zu diesem Zeitpunkt selbst
ein Vielfaches an PSA produziert und somit das PSA des Krebses
über viele jahre hinweg maskiert.

Schau dazu das Glättli-Diagramm in Anhang [3] und den Link
"Was ist PSA-Alert".
Schwarz dargestellt ist die gemessene PSA-Kurve, die zu Beginn der
"Früherkennungs"-Messungen nahezu flach verlief, also eine
Verdoppelung in ca. 20 Jahren aufwies, wie sie typisch ist für gesunde
Männer. Der damalige PSA-Wert von 1.1ng/ml stellt somit diesen
"Grundwert" dar, den man schon in frühen Jahren bestimmen kann
und im Falle deiner risikobehafteten Söhne z.B. mit 35 auch bestimmen sollte.
Ein langsamer Anstieg, entsprechend der (errechneten) blauen Linie ist normal
und führt, wenn er etwas schneller voranschreitet als der meine, im Alter
schlimmstenfalls zu einer benignen Prostatahyperplasie BPH, die zwar lästige
Miktionsbeschwerden auslösten kann, aber mit Krebs nichts zu tun hat
.
Treten aber im Laufe der Messungen Werte auf, aus denen sich abnehmende
Verdoppelungszeiten (VZ) errechnen, die in der gezeigten halblogarithmischen
Darstellung eine immer steilere (schwarze) Kurve ergeben, liegt eine zweite PSA
Quelle vor, deren steilerer Verlauf (rote Linie) die Messkurve zunehmend
von der blauen Linie nach oben drückt.
Dieses zunehmende Ansteigen ist das allererste, was vom Prostatakrebs
gesehen werden kann. Später, wenn das gemessene PSA ein vielfaches
des Grundwertes beträgt, gleicht sich die Messkurve dem Wachstum des
Krebses, bzw. der roten Linie an. Ohne Therapie nimmt das Unheil deinen Lauf.

Extra frühes Messen bringt also keine frühere Krebsdiagnose. Aber man
verpasst eben diesen Zeitpunkt nicht, in dem das PSA beginnt, auffällig
zu steigen.
Möge dieser Moment bei deinen Söhnen nie eintreten.

Carpe diem!
Konrad

RalfDm
25.08.2017, 14:48
Lieber Konrad,

Schon am Ende der Pubertät, wenn das Testosteron aus Knaben Männer macht, bildet sich der Prostatakrebs unter dem Einfluss dieses Hormons.
von diesem früher verbreiteten Glauben ist man in der Medizin inzwischen abgerückt. Tatsache ist, dass man immer noch nicht weiß, warum sich Prostatakrebs bildet. Er ernährt sich von Testosteron und Dihydrotestosteron, ja, aber die sind nicht die Ursache für seine Entstehung, sonst müsste ausnahmslos jeder Mann PK entwickeln. Männer mit Down-Syndrom sollen übrigens nie PK bekommen, obwohl sie vergleichbare Testosteronspiegel haben.

Ralf

Hvielemi
25.08.2017, 15:04
Naja, lieber Ralf,
nicht jede Prostatazelle bildet Krebs unter Testosteroneinfluss, sondern nur einige
Wenige unter Milliarden von Zellen. Sonst gäbe es keine Männer.
Wohl dem, der keine solchen anfälligen Zellen in sich trägt.
Wir wissen aber, dass früh Kastrierte und vorpubertäre Jungen keinen PCa bekommen.
Ein Zusammenhang zwischen Androgen und PCa ist sehr wohl gegeben, wenn auch nicht zwingend.

Immerhin dies:
Ohne Testosteron kein PCa.

Konrad

FlorianM
25.08.2017, 16:12
Hallo Tinka,



Mein Mann Michael starb im Herbst 2008 an einem metastasierten PCA, ca. 1,5 Jahre nach der Diagnose, im Alter von nur 46 Jahren.


Mir wurde 8/2016 mit 40 Jahren ein metastasierten PCa dignostiziert. Interessanter (und gleichsam quälender Weise) war ich bereits seit 10/2015 wegen Beschwerden bei zwei Urologen.
Sowohl die Ergebnisse von Ultraschall ("eine Prostata darf verkalkt sein"), als auch Tastuntersuchung ("ist hart, ja"), als auch PSA ("32, ist vermutlich eine Entzündung ohne Marker") wurden monatelang anders erklärt.

Ich will damit sagen, dass ich vermute, dass auch ein gewisses Durchsetzungsvermögen gegenüber den Ärzten und Kassen nötig ist.

Viele Grüße
Florian

Tinka
26.08.2017, 18:58
Ihr Lieben,

fürs Erste herzlichen Dank!

Ich werde das Thema mit den Jungs bei Gelegenheit aufgreifen. Der Große studiert inzwischen selber Medizin (ich musste aufgrund unserer Situation damals abbrechen) und ist nicht nur deswegen sehr verständig. Meine Tendenz geht dahin, den PSA-Wert regelmäßig bestimmen zu lassen, aber letztlich mussen die Buben das selber entscheiden. Am Geld soll es jedenfalls nicht scheitern.

Arne, danke für den Studienlink, das lese ich durch.

Euch alten und neuen "Mitstreitern" von Herzen alles Gute
Tinka

PS: Zu dieser Testosteron-Idee denke ich, dass das doch nicht erst zum Ende der Pubertät "schießt", sondern von Anfang an? Dann müssten ja schon Dreizehnjährige gefährdet sein?

Tinka
26.08.2017, 19:01
Florian,

wenn ich sowas lese, bekomme ich die gelbe Farbe *grrr

Mein Vorteil seiner Zeit war die Tatsache, dass ich Medizin studierte, das überall sagte, wo man es nicht hören wollte, aber siehe da, die Arztgespräche verliefen komplett anders als mit "normalen" Patienten. Was schlimm genug ist.

Ich wünsche dir alles Gute und viel Kraft!

Tinka

Tinka
26.08.2017, 19:04
Was mich gleich zu der nächsten Frage bringt:

Es ist also immer noch so, dass PCA die Erkrankung der "alten Männer" (niemand möge sich angegriffen fühlen) ist? Will sagen, wenn ein junger Mann damit zu tun hat, ist das immer noch nicht die Regel? Oder hat sich da (statistisch) in den letzten zehn Jahren etwas geändert?

nomade
27.08.2017, 04:03
Ich würde mich da keineswegs angegriffen fühlen, "alt" ist doch kein Makel, sondern ein unausweichlicher Fakt, wenn man nicht vorher sterben muss.

Grundsätzlich ist es doch so, dass Krebserkrankungen eine Zelldegeneration sind, die logischerweise an Wahrscheinlichkeit mit dem Alter zunimmt. In historischen Perioden, in denen das durchschnittliche Lebensalter gerade mal 40 Jahre betrug, bekamen nur sehr wenige Krebs. Meine Ärztin in der Reha erklärte uns zudem, dass täglich etliche Krebszellen im Körper entstehen und normalerweise vom Immunsystem problemlos beseitigt werden. Im Alter wird, nicht zuletzt durch das "Dauerfeuer" von Bakterien und Viren, sicher aber auch durch Umweltgifte, das Immunsystem schwächer. Deshalb ist es ja so wichtig, sich fit zu halten und vernünftig zu ernähren.

Da es aber auch in der Regel so zu sein scheint, dass PCa oft langsam wächst und da biologische Prozesse im Alter langsamer ablaufen, haben wir den gegenläufigen Effekt, dass viele alte Männer zwar mit diesem Krebs, aber nicht an ihm sterben. Ob der nun schon seit frühester Pubertät herangereift ist und später aggressiv wurde oder ob die Fälle, in denen jemand wie Dein armer Mann so früh sterben musste, ein plötzliches Auftreten aggressiver Formen bedeuten, ist vorläufig akademischer Natur. Erst wenn wir genetische Marker genau kennen oder wesentlich sensitivere Verfahren zum spezifischen Detektieren aggressiver Mutationen haben, könnte man da gezielter reagieren. Selbst der PSA ist ein unscharfes Instrument, da er uns z. B. über den Gleason Score nur über die Dynamik etwas mitteilen kann. Aber derzeit ist es – neben teurer Psma-PET – das Beste, was wir haben.

Hvielemi
27.08.2017, 11:13
Es ist also immer noch so, dass PCA die Erkrankung der "alten Männer (...)ist?
Will sagen, wenn ein junger Mann damit zu tun hat, ist das immer noch nicht die Regel?
Oder hat sich da (statistisch) in den letzten zehn Jahren etwas geändert?

Ja, liebe Tinka, das ist immer noch so.
Prostatakrebs wächst im allgemeinen langsam, sodass es Jahrzehnte braucht ab der
Entstehung, bis der Krebs zu Beschwerden führt. Durch die PSA-Messung wird der Krebs
aber häufiger vor dem Eintritt von Beschwerden erkannt, wodurch das Alter bei der
Diagnose gesunken ist.
Die hochaggressiven Prostatakrebse allerdings wachsen schnell und werden daher früher
gefunden, sei dies als Folge von Beschwerden oder mit frühen PSA-Messungen.
Diese Fälle sind aber nach wie vor Ausnahmen. Leider hatte es deinen Mann besonders früh
getroffen. Einen Trend dazu gibt es nicht.

Aber es gibt einen anderen Trend, von dem die Generation der Söhne zunehmend profitieren
wird:
Neue Therapien lassen Betroffene länger leben bei zugleich besserer Lebensqualität:
Wenn Du meine PSA-Verlaufskurve in Anhang [1] anschaust, sind alle PSA-Reduktionen und
-Stagnationen Therapien zu verdanken, die einst deinem Mann noch nicht zur Verfügung
standen, und die teilweise auch heute noch nur studienhalber oder in kleinem Umfang als
'Heilversuche' zu haben sind. In einigen Jahren werden die besser und zugleich Standard
sein, und weitere Therapien, z.B. Immuntherapien werden verfügbar.

Carpe diem!
Konrad



Zu PCa bei jüngeren Männern:
http://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2013-02/Prostatakrebs-juengere-Maenner-Ursache?page=2#comments

MartinWK
27.08.2017, 13:32
PCa ist eine Erkrankung fast jedes Mannes, nicht nur des alten Mannes. Zitat aus Stamey, J UROL, 2004.pdf (http://www.usrf.org/news/10Foibles_of_PSA/Stamey,%20J%20UROL,%202004.pdf):
"Sakr et al found that 8% of 525 men in their 20s, equally divided between white and black men killed accidentally on the streets of Detroit, had invasive prostate cancer when their prostates were examined by 2 to 3 mm whole mount step sections. Each increasing decade of life was accompanied by a linear increase in prostate cancer until 80% of both races in their 70s had invasive prostate cancer."
Vermutlich werden unter diesen 8% mehr Söhne aus vorbelasteten Familien sein, doch da diese Zahlen auch zeigen, dass fast alle Familien vorbelastet sind (einige Väter sterben vorher an anderen Krankheiten), heißt "Vorbelastung" im Wesentlichen frühere Entwicklung und/oder bösartigere Entwicklung.

Diese Arbeit von 2004 mit dem provokanten Titel "THE PROSTATE SPECIFIC ANTIGEN ERA IN THE UNITED STATES IS
OVER FOR PROSTATE CANCER" gibt die wesentlichen Einwände gegen PSA-Screening wieder. Mitautor Stamey hatte 1987 die Bedeutung des PSA erkannt und publiziert und damit erst das de facto-SCreening ausgelöst.

Heutzutage sollte man sie im Zusammenhang mit dieser Arbeit aus 2017 betrachten:
Beyond_the_PSA_test__How_to_better_stratify_a.13.p df (http://pdfs.journals.lww.com/jaapa/2017/08000/Beyond_the_PSA_test__How_to_better_stratify_a.13.p df?token=method|ExpireAbsolute;source|Journals;ttl |1503774758538;payload|mY8D3u1TCCsNvP5E421JYK6N6XI CDamxByyYpaNzk7FKjTaa1Yz22MivkHZqjGP4kdS2v0J76WGAn HACH69s21Csk0OpQi3YbjEMdSoz2UhVybFqQxA7lKwSUlA502z QZr96TQRwhVlocEp/sJ586aVbcBFlltKNKo+tbuMfL73hiPqJliudqs17cHeLcLbV/CqjlP3IO0jGHlHQtJWcICDdAyGJMnpi6RlbEJaRheGeh5z5uvq z3FLHgPKVXJzdarFZO/lKu5YTsnenVksJLb+2sMXZ6SlSF+O3xQ1DGyw=;hash|1gJNpW Dy3fIeOr/N6OHoQA==)

Dazu ein Beispiel:
PSA soll pro 1g PCa um 3,5 zunehmen, bei BPH pro 1g um 0,3 Observations on the doubling time of prostate cancer. The use of serial prostate-specific antigen in patients with untreated disease as a measure of increasing cancer volume - Schmid - 2006 - Cancer - Wiley Online Library (http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/1097-0142(19930315)71:6%3C2031::AID-CNCR2820710618%3E3.0.CO;2-Q/pdf)
(auch diese Zahlen gegen auf Stamey et al 1987 zurück). Wer mit 40 oder 50 eine Prostata von 20g hat und ein PSA von 2,0 kann in 10 Jahren eine BPH mit 20g Zuwachs haben und dann ein PSA von 20x0,3 + 2,0 = 8,0
Oder er bekommt ein PCa von 1g und das PSA wird zu 2,0 + 3,5 = 5,5
Oder das PCa gibt nicht viel PSA ab (z. B. fehlende Perineuralscheideninvasion) und das PSA steigt kaum.
Dabei sind 3,5 und 0,3 Durchschnittszahlen und andere Studien haben leicht abweichende Werte ergeben, so daß die Unsicherheit noch größer ist.
Das ist der Grund, warum PSA-Screening als Empfehlung out ist. Es führt dazu, daß bei PSA>4 und PSA<10 jeder mindestens einmal biopsiert wird und da fast jeder irgendwann ein PCa entwickelt wird irgendwann ein Treffer erzielt. Um diesen Treffer zu erreichen, sind zuviele Biopsien mit negativem Ergebnis erforderlich (Nebenwirkungen, besonders Infektionen), und das eventuell erkannte PCa ist bei PSA<10 eher low oder low-to-intermediate risk (Gefahr der Übertherapie, wenn keine weitere Diagnostik bezüglich der Aggressivität des PCa erfolgt).

Die in der aktuellen Arbeit von 2017 vorgeschlagende Strategie ist einigermaßen leitlinienkonform. Außer freiem PSA gehört auch PHI dazu. Die Skepsis gegenüber dem mpMRT ist meiner Ansicht nach überholt. Die Ausführung durch darauf spezialisierte Radiologen (siehe dazu auch https://forum.prostatakrebs-bps.de/showthread.php?9086-Uro-onkologischer-Jahresauftakt-Sachsen-Anhalt-2016&p=88035#post88035) kann bei der Bewertung von den gemessenen Werten helfen. Ein low risk PCa mit systematischer Biopsie von 8-12 Stanzen zu treffen kann daneben gehen (was bezüglich Übertherapie vielleicht ganz gut ist, aber zur nächsten Biopsie in 6-12 Monaten führt). Das MRT kann zur 3D-Fusionsbiopsie benutzt werden mit 20-30 Stanzen (einige gezielt und einige systematisch). Bei negativem Befund würde man dann in 12 Monaten vergleichende Bildgebung machen und erst dann entscheiden, ob aufgrund einer Änderung eine erneute Biopsie erforderlich ist.

Jeder Fall ist anders. Erblich belastete Männer im jungen Alter werden früher mit den Messungen von PSA, freiem PSA, proPSA (für PHI-Berechnung) beginnen wollen. Ein PSA bei konstant unter 1,0 korreliert gut mit negativer Biopsie bzw. PCa, ein hohes PSA umgekehrt mit positivem Befund. Alles andere bedarf der Einordnung. Im jungen Alter sollte man sich im Zweifelsfall eher für ein (teures) mpMRT entscheiden (denn sonst hat man unter Umständen sehr sehr viele Biopsien vor sich). Damit können auch suspekte Areale gesehen werden, die durch PCa, der kein oder wenig PSA exprimiert, verursacht werden.

Arne80
28.08.2017, 09:49
@Tinka:


Es ist also immer noch so, dass PCA die Erkrankung der "alten Männer" (niemand möge sich angegriffen fühlen) ist? Will sagen, wenn ein junger Mann damit zu tun hat, ist das immer noch nicht die Regel? Oder hat sich da (statistisch) in den letzten zehn Jahren etwas geändert?

Ich glaube, das kommt ganz darauf an, wen man fragt...laut Aussage der Martini-Klinik kommen mittlerweile die ersten Patienten ab 40 Jahren zur Behandlung. Während meines Aufenthalts dort habe ich aber gesehen, dass die allermeisten Patienten schon 55+ waren (ob das jetzt "alt" ist, sei dahingestellt).
Da viele aber zeitlebens erst bei Beschwerden (PSA-Messungen kannten dort viele erst vom Hausarzt) zum Arzt gehen, ist unklar, seit wann die Erkrankung wirklich besteht. Und das ist meiner Meinung nach ein Problem, denn das höhere Alter der PCa-Erkrankten ist ja immer "Alter bei Diagnose" und nicht "Alter bei Auftreten der ersten Tumorzellen". Ich zitiere meinen Urologen nach Erhalt der Histologie:"...das hätte ich nicht gedacht, dass man das schon so früh haben kann. Habe ich auch wieder dazugelernt..."

Wie Martin schon schrieb, ein nicht unerheblicher Teil junger Männer trägt das PCa bereits früh in sich, die Rede ist sogar von bis zu 30% aller 30-40 jährigen Männer, s. Link:
https://www.martini-klinik.de/fileadmin/Dateien/PDFs/Presseartikel/2014/14-08_Spectrum-Urologie_Schlomm_online.pdf

Wie viele davon klinisch signifikant werden, ist wieder eine andere Geschichte. Frühe PSA-Tests haben sicherlich dazu beigetragen (und werden es vermehrt tun), dass viele Karzinome sehr früh entdeckt werden. Meiner Meinung nach eine großartige Sache, sehe ich das Problem der "Übertherapie" nicht bzw. in der Verantwortung dann jedes Einzelnen. Meine Meinung: besser wissen und dann entscheiden als nicht wissen und folglich fremdbestimmt sein.

Frühes Wissen wird Deine Söhne im hoffentlich gar nicht erst auftretenden Fall der Fälle sicher retten können, daher würde ich frühzeitige PSA-Messungen (Ende 20 Basiswert, Mitte 30, dann 2-jährig, ab 40 einjährig) und im Zweifel (dauerhafte Werte > 1 - 1,5 ng/ml) erweiterte Diagnostik wie mpMRT anstreben wie geschrieben.

Viele Grüße
Arne