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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Googeln, bis der Arzt kommt



WinfriedW
31.05.2006, 22:13
Immer mehr Patienten nutzen das Internet, um sich über ihre Krankheit und Therapien zu informieren. Von Marc Neller (31.05.2006, 8:43 Uhr, Der Tagesspiegel)

Die Knorpel in Elvira Holbrechts* Hüfte sind verschlissen, sie wird ein künstliches Gelenk eingesetzt bekommen. Gleich drei Orthopäden haben ihr dazu geraten. Frau Holbrecht vertraut ihnen, sagt sie. Aber sie hat ihren Sohn gebeten, ihr noch ein paar Informationen aus dem Internet zu suchen. Zur Sicherheit. Tags darauf bringt der Sohn einen backsteindicken Stapel Papier. Frau Holbrecht las ein paar Seiten, dann legte sie den Stapel beiseite. Sie verstand den Fachsprech nicht, in dem die Texte verfasst sind.

Immer mehr Menschen informieren sich im Internet darüber, wie eine ihnen bevorstehende Operation abläuft oder welche anderen Therapiemöglichkeiten es gibt. Und vermutlich versuchen es die meisten Patienten auf die gleiche Weise wie Frau Holbrechts Sohn: Sie geben in eine Suchmaschine Schlagworte wie „Künstliches Kniegelenk“ oder „Krebs“ ein – und erhalten eine Liste mit zehntausenden Treffern. Das Ergebnis: ein schwer durchschaubarer Datenwust. Für einen Laien ist schwer erkennbar, ob eine Therapie- oder Medikamenten-Empfehlung, auf die er im Netz stößt, sachlich begründet ist. Oder ob es sich um Produktwerbung handelt, die unter dem Deckmantel fachlicher Beiträge daherkommt.

Die Mediziner sind skeptisch. „Es ist kaum möglich, im Internet Informationen zu bekommen, die seriös sind – und verständlich“, sagt Christian Geiger. Er ist Chefarzt der Abteilung Chirurgie im Jüdischen Krankenhaus in Berlin-Wedding. „Alle, die Informationen ins Netz stellen, haben etwas zu gewinnen oder zu verlieren. Also verfolgen alle ein bestimmtes Interesse.“ Mit dieser Meinung steht Geiger nicht allein da, viele Kollegen sehen es ähnlich. Jochen Schulze Buschoff etwa, Facharzt für Gefäßmedizin in den St. Hedwig-Kliniken in Berlin- Mitte. Einen positiven Aspekt kann er dem Informations-Angebot im Internet aber doch abgewinnen. Dass sich Patienten die Mühe machten, sich zu informieren, „bedeutet doch, dass wir uns genügend Zeit nehmen sollten, um eine Therapie oder eine Operation und deren Sinn wirklich gut zu erklären“.

Sachkompetenz, Informationen, die verständlich aufbereitet sind und inhaltliche Unabhängigkeit, darauf kommt es an. Die Suchmaschinen durchforsten das Netz natürlich nicht nach Qualitätskriterien, wie auch? Die Trefferlisten wären sonst deutlich übersichtlicher.

Aber es ist nicht so, dass es keine positiven Beispiele gäbe. Die Internet-Seiten einiger Ärztefachverbände etwa. So ist der Internet-Auftritt der Deutschen Krebsgesellschaft übersichtlich, gehaltvoll und dazu sprachlich so aufbereitet, dass auch ein medizinischer Laie leicht versteht, worum es geht. Unter anderem erfährt man, wo es in der näheren Umgebung zertifizierte Zentren für die Behandlung von Brustkrebs gibt. Für Leiden, die in das Fachgebiet von Orthopäden fallen, gibt es ebenfalls ein Informationsportal des Berufsverbandes. Dort findet man vor allem dank einer guten Navigation schnell wichtige Basisinformationen. Mit zwei Mausklicks erfährt man Grundlegendes über die Funktionsweise des menschlichen Bewegungsapparates oder über Arthrose-Erkrankungen in Knien oder Hüfte.

Die Zahl der Schlaganfälle steigt stetig – und mit ihnen die Zahl der mittelbar oder unmittelbar Betroffenen. Wie auch deren Informationsbedürfnis. Die Deutsche Schlaganfallhilfe versucht, diesem Bedürfnis mit wichtigen Basis-Informationen im Internet zu begegnen. Auch dort findet man die wichtigsten Zahlen, Erklärungen und Adressen – von Krankenhäusern mit zertifizierten Versorgungseinrichtungen etwa. Und doch: Dass die Informationen im Internet ein Gespräch mit dem Arzt ersetzen können, glaubt kaum jemand.

Auch Silke Haffner nicht, die Geschäftsführerin des Medizin-Portals „Netdoktor“. Der Anspruch sei, einen fundierten Überblick zu bieten. Alle Artikel über Krankheiten und Medikamente sind von Medizinern geschrieben. Eine achtköpfige Redaktion prüft, ob die Texte verständlich sind. Netdoktor finanziert sich nach eigenen Angaben über Werbeanzeigen und indem die Firma Portale für Krankenkassen erstellt. *Name geändert

www.krebsgesellschaft.de (http://www.krebsgesellschaft.de)
www.orthinform.de (http://www.orthinform.de)
www.schlaganfall-hilfe.de (http://www.schlaganfall-hilfe.de)
www.herzstiftung.de (http://www.herzstiftung.de)
www.netdoktor.de (http://www.netdoktor.de)

Carola-Elke
01.06.2006, 00:47
Eigentlich bin ich froh darüber, dass die Internetbenutzung inzwischen nicht mehr ganz so negativ bewertet wird, wie noch vor ein paar Jahren. Als wir 2003 bei verschiedenen Professoren zu Beratungsgesprächen unterwegs waren, hörten wir ständig diesen abwertenden Spruch: "Im Internet steht nur etwas für Außenseiter und Unseriöses - das dürfen Sie alles nicht ernst nehmen!."

Ich denke, die Qualität der Information hat seidem um einiges gewonnen und selbst die meisten renommierten Kliniken und Institute auf der ganzen Welt stellen ihr Wissen und ihr Angebot für Patienten ganz seriös und oft gut gemacht im Internet zur Verfügung - das ist der Vorteil der Globalisierung!
Man kann sich das heraussuchen, was einem am ehesten liegt oder augenblicklich besonders wichtig erscheint.
Unseriöses wird man sicher schneller identifizieren, je besser man im Umgang mit der Recherche nach bestimmten Wissensgebieten geübt ist. Ein blutiger Anfänger hat's da zugegebenermaßen schwerer.
Kontaktadressen und weitere wichtige Anlaufstellen, wo man zusätzliche Hilfe und weitere Informationen erhält, werden auf diese Weise ebenfalls schnell und leicht zugänglich.
Medikamenteninfos, Übersetzungshilfen für "Fachchinesisch", Berichte, Therapieerfahrungen, Statistiken, selbst Ärztelisten und vieles mehr findet man ohne Probleme mit ein paar Mausklicks.

Einige Selbsthilfeforen nicht zu vergessen, die oft die erste Anlaufstelle und Orientierungshilfe nach einer schweren Diagnose sein können.
Der Austausch unter Betroffenen ist sicher nicht zu vergleichen mit einem nüchternen Ärztgespräch, das bestenfalls eine Stunde dauert, denn danach ist der Betroffene mit neuen Fragen, die ihn bewegen, oft ganz alleine.

Mir haben damals die Rückmeldungen aus dem KISP/BPS und die motivierenden Worte von einigen gut aufgeklärten Mitgliedern sehr geholfen.

Weiter unten der Tenor, den ich dazu auf Anhieb fand.

Viele Grüsse,

Carola-Elke

Internetbenutzung von Krebskranken und ihren Angehörigen – Ergebnisse einer Online-Befragung
http://www.thieme-connect.com/ejournals/abstract/zblgyn/doi/10.1055/s-2005-862484
"Schlussfolgerung: Patientinnen und Patienten recherchieren zunehmend zu gesundheitsrelevanten Themen im Internet. Gefundene Informationen bringen sie im Arzt-Patient-Gespräch mit ein. Durch die Internetnutzung verändert sich das Verhältnis von Laien zu Experten: Das Vertrauensverhältnis der Arzt-Patient-Beziehung wird weniger von patriarchaler Fürsorge als vielmehr von offener Kommunikationsbereitschaft zu gemeinsamen Entscheidungsfindungen geprägt sein müssen. Nicht selten wird das Wissen von Patienten über ihre Krankheiten aufgrund der Internetinformationen den aktuellen Wissensstand des konsultierten Arztes übersteigen, dennoch werden sie ärztliche Fach- und Beratungskompetenz erwarten. Entstehungsmomente für Konflikte bei nicht gelungener Kommunikation sind zahlreich und erfordern neue Kompetenzen in diesem Bereich."

Einfluss des Internets auf die Gesundheitskommunikation
http://www.thieme-connect.com/ejournals/abstract/gesu/doi/10.1055/s-2005-920657
"Schlussfolgerungen und Diskussion: Durch die Internetnutzung verändert sich das Verhältnis von Laien zu Experten: Das Vertrauensverhältnis der Arzt-Patient-Beziehung wird weniger von patriarchaler Fürsorge als vielmehr von offener Kommunikationsbereitschaft zu gemeinsamen Entscheidungsfindungen geprägt sein müssen. Das Internet ist ein Katalysator von Aushandlungsprozessen beim „shared decision making“.

http://www.thieme-connect.com/ejournals/html/uro/doi/10.1055/s-2004-832283
Online-Hilfe zur Selbsthilfe bei Prostatakrebs
"In gewisser Weise gleicht das Internet einem schwarzen Brett. Jeder kann dort Dinge anpinnen, die prinzipiell jeder andere lesen kann. Waren Selbsthilfegruppen früher an regionale Grenzen gebunden, ermöglicht das Netz nunmehr prinzipiell einen weltweiten Austausch. Die meisten im Folgenden besprochenen Homepages von Selbsthilfegruppen bieten u.a. Diskussionsforen. Diese ermöglichen, alle Meinungsfacetten zu einem Thema zu diskutieren. Die völlige Freiheit des Mediums birgt jedoch auch Gefahren. In medizinischen Diskussionsforen treffen sich überproportional häufig chronisch Kranke und unzufriedene Patienten. Oft ist es unmöglich, den Wahrheitsgehalt der Aussagen zu überprüfen. Das Diskussionsbild in Websites von Selbsthilfegruppen hilft daher dem Betroffenen nicht immer weiter."

http://www.thieme-connect.com/ejournals/abstract/uro/doi/10.1055/s-2003-45320
"Zusammenfassung:
Für Patienten, die sich über die ärztliche Beratung hinaus detaillierte Auskünfte verschaffen möchten, ist das Internet in den letzten 10 Jahren zum universellen Medium geworden. Jeder dritte Patient mit einem Prostatakarzinom hat sich bereits im Netz über seine Erkrankung informiert. Im Folgenden werden einige Beratungs- und Informationshomepages zum Thema Prostatakrebs besprochen."