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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Krebs trifft auch Glückliche



wassermann
28.10.2007, 11:18
Hallo,

Das Gerede von der "Krebspersönlichkeit", von den "psychischen Ursachen" der Zellentartung scheint sich so schön in ein modernes "ganzheitliches" Menschenbild und esoterisch angehauchte Heilungsversprechen zu fügen. So hat der arme Patient auch mmer gleich ein Stück "Eigenschuld" an seinem Leiden. Hätte er doch dies oder jenes unternommen, hätte er doch auf die Prediger gehört, hätte er sich doch nicht so gestresst in der Arbeit usw.
Ansichten wie diese entbehren zumindest nach dieser Studie der wissenschaftlichen Basis.
Dass einem eine Krebsdiagnose psychisch zu schaffen macht, braucht doch wohl erst gar nicht diskutiert zu werden.

Gruß
Wassermann


Der folgende Artikel aus der Süddeutschen Zeitung passt zur vorherigen Diskussion
Krebs trifft auch die Glücklichen

Neue Studie bestreitet den Einfluss psychischer Faktoren


Norman Mailer glaubte zu wissen, was er tun musste, um gesund zu bleiben. Als der amerikanische Schriftsteller 1960 seine zweite Frau Adele Morales im Vollrausch niederstach, begründete er die Bluttat damit, dass er Krebs bekommen hätte, wenn er sich nicht auf diese Weise von seinen "mordlustigen Regungen" befreit hätte. Susan Sontag schrieb 1978 in ihrem Buch "Krankheit als Metapher" über Krebs als Leiden der "seelisch Angeschlagenen". Bis heute hat sich die Vorstellung von einer "Krebspersönlichkeit" gehalten. Demnach bekommen Menschen, die eher in sich gekehrt sind, häufiger Tumore als jene, die aus sich herausgehen können. Die Wissenschaft widerspricht dem seit langem, und erhält durch eine neue Studie weiter Unterstützung.



"Weder direkt noch indirekt haben Gefühlszustand und Charakter etwas mit der Prognose von Krebs zu tun", sagt James Coyne von der University of Pennsylvania in Philadelphia. Der Psychiater und sein Team haben zehn Jahre lang mehr als 1000 Patienten mit fortgeschrittenen Tumoren an Kopf und Hals untersucht und ihr psychisches Befinden analysiert. Mehr als 600 Patienten sind im Verlauf der Untersuchung gestorben. Die Studie, die an diesem Montag im Fachblatt Cancer erscheint, zeigt, dass auch diejenigen, die sich in den Befragungen und psychischen Tests relativ zufrieden und ausgeglichen äußerten, nicht länger lebten als jene, die niedergeschlagen und unglücklich waren.



"Es gibt bisher keinen wissenschaftlichen Nachweis dafür, dass psychische Faktoren für die Entstehung von Krebs oder die Überlebenschancen relevant sind", sagt Peter Henningsen, Leiter der Klinik für Psychosomatik an der Technischen Universität München. Vermutungen, dass der Charakter oder die Persönlichkeit etwas mit der Krankheit zu tun hätten, seien zudem immer auch mit der Annahme von Schuld verbunden, sagt Henningsen und fordert daher: "Wenn man mit der Mär von der Krebspersönlichkeit aufräumt, hat das auch einen entlastenden Effekt für die Patienten."



Gerade am Anfang der Erkrankung hätten die meisten Krebspatienten Schwierigkeiten, ihr Leiden zu akzeptieren, sagt Peter Herschbach, der die Sektion für Psychosoziale Onkologie an der Technischen Universität München leitet. "Sie fragen sich: Warum gerade ich, war es der Stress oder bin ich vom Charakter her gefährdet?" Erwachsene bezichtigen sich dann häufig selbst, falsch gelebt zu haben. Kinder glauben oftmals, dass sie krank geworden sind, weil sie nicht artig waren. "Krebs ist ein unfaires Unternehmen", sagt Charlotte Niemeyer, Leiterin der Kinderonkologie an der Freiburger Universitätsklinik. "Wen es trifft, den trifft es."



Wer sich mit seiner Krankheit auseinandersetzen will, um sie besser zu verarbeiten, soll das tun - da sind sich alle Experten einig. "Die Erwartung, Krebs zu bekämpfen und das Leben zu verlängern, indem man sein psychisches Befinden verbessert, ist jedoch völlig fehl am Platz", sagt Psychiater Coyne. Wer sich durch eine Psychotherapie oder in einer Selbsthilfegruppe besser fühle und den Kampfgeist gegen seine Erkrankung stärken will, solle entsprechende Angebote wahrnehmen, das könne emotional und sozial aufbauen. "Die rein körperliche Prognose wird dadurch aber nicht beeinflusst", sagt Peter Herschbach. "Für Betroffene kann es dennoch hilfreich sein, schließlich stellen sich viele Krebspatienten die Frage, wie sie die Zeit erleben, die ihnen noch bleibt." Werner Bartens



Quelle: Süddeutsche Zeitung
Nr.243, Montag, den 22. Oktober 2007 , Seite 1

shgmeldorf,Werner Roesler
28.10.2007, 15:01
"Wen es trifft, den trifft es."



Wer sich mit seiner Krankheit auseinandersetzen will, um sie besser zu verarbeiten, soll das tun - da sind sich alle Experten einig. "Die Erwartung, Krebs zu bekämpfen und das Leben zu verlängern, indem man sein psychisches Befinden verbessert, ist jedoch völlig fehl am Platz", sagt Psychiater Coyne. Wer sich durch eine Psychotherapie oder in einer Selbsthilfegruppe besser fühle und den Kampfgeist gegen seine Erkrankung stärken will, solle entsprechende Angebote wahrnehmen, das könne emotional und sozial aufbauen. "Die rein körperliche Prognose wird dadurch aber nicht beeinflusst", sagt Peter Herschbach. "Für Betroffene kann es dennoch hilfreich sein, schließlich stellen sich viele Krebspatienten die Frage, wie sie die Zeit erleben, die ihnen noch bleibt." Werner Bartens



Hallo,

die Überlebensprognose wird im Rahmen der Selbsthilfearbeit schon positiv beeinflusst.
Durch die Auseinandersetzung mit der Erkrankung können wichtige Behandlungstrategien erkannt werden, andere oft sinnlose können verworfen werden.
Wer versucht, sich mit seiner Erkrankung offensiv und kreativ zu beschäftigen, der kann Behandlungsoptionen erfahren, die er anders niemals angehen und realisieren könnte.

Als recht banale Analogie:
Wenn wir durch den Wald gehen, dann sollten wir nicht pfeifen, sondern nachschauen, wo die Räuber sind!

Gruß Werner R.

HorstK
28.10.2007, 15:34
Hallo Wassermann,

danke für Deinen Bericht mit dem Artikel aus der SZ

Wenn das Der "Werner Bartens" ist ?, dann gibt es hier noch mehr zum Anschauen:
http://www.werner-bartens.de/
http://www.sueddeutsche.de/kultur/artikel/654/110544/
http://www.sueddeutsche.de/gesundheit/artikel/205/111094/

Grüße aus Kulmbach

Horst

Hans (GL)
31.10.2007, 21:47
Nun die Studie stammt von James Coyne von der University of Pennsylvania in Philadelphia und nicht von einem dt. Journalisten.

In so manchen Gesprächen zu Beginn meiner Krankheit, konnte ich mich des Eindruckes nicht erwehren, als wenn man selber an der Krankheit schuld wäre und dass der Schlüssel der Heilung in alleiniger positiver Denkweise läge.

Wenn man mal einen Durchhänger hat, ist es sicher hilfreich zu wissen, dass man damit noch keine Autoaggression betreibt. Somit finde ich den Artikel, dessen Inhalt ich schon länger kenne, durchweg als hilfreich.

Natürlich kämpfen wir alle daran den Feind in unseren Körper niederzuringen oder niederzuhalten.

Grüße
Hans

Schorschel
31.10.2007, 22:22
Liebe Mitstreiter!
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Ich halte das Thema „Psyche und Krebs“ für sehr wichtig. Daher meine folgenden Anmerkungen:<O:p></O:p>
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- Die zitierte Studie von Coyne beschäftigt sich nicht mit der Entstehung von Krebs, sondern lediglich mit der Frage, ob bei bereits Krebskranken deren psychische Befindlichkeit den weiteren Krankheitsverlauf beeinflusst. Für die Aussage „Krebs trifft auch Glückliche“ gibt diese Studie nichts her.<O:p></O:p>
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- Wenn über die Psychogenese von Krebs gesprochen wird, geht es nicht eindimensional um unmittelbare „psychische Ursachen“ – das Thema ist komplexer. So hat die Psyche zweifellos einen nachhaltigen Einfluss auf die Robustheit des Immunsystems; dieses wiederum ist mitverantwortlich dafür, ob und/oder wie lange der Körper sich gegen Zellentartung zur Wehr setzen kann. Dies ist nur einer der relevanten Aspekte, die es in ihrer Summe aus meiner Sicht zweifellos rechtfertigen, von einer „Krebspersönlichkeit“ zu sprechen.

Es wird zwar niemand hingehen und von monokausalen psychischen Ursachen für Krebs sprechen, aber den Einfluss der Psyche sollte man auch nicht wegdiskutieren wollen. Mit "selber an seiner Krankheit schuld sein" hat das Ganze sowieso nichts zu tun.<O:p></O:p>
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Grüße aus Wiesbaden von<O:p></O:p>
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Schorschel<O:p></O:p>
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wassermann
01.11.2007, 09:18
Guten Morgen,

in der Tat behandelt die im o.g. Artikel erwähnte Studie vornehmlich den Einfluss der Psyche auf den Krankheitsverlauf. Hierbei sei eben kein unmittelbarer ZUsammenhang nachzuweisen.
Der Artikel hingegen bezieht die Krebsentstehung durchaus mit ein und kommt unter Berufung auf Fachleute zu dem Schluss, dass die Annahme, es gebe eine "Krebspersönlichkeit", wissenschaftlich nicht gestützt werden könne. Der Titel dse Artikels bezieht sich eben auf beide Aspekte.

Mir als Laien sind keine überzeugenden monokausalen Erklärungen für die Krebsentstehung bekannt, was aber keineswegs heißen muss, dass es diese nicht gibt oder noch gefunden werden können.
Dass die Psyche einen direkten Einfluss auf den körperlichen ZUstand hat, wage ich auch immer mehr zu bezweifeln. Es dürfte eher ein mittelbarer sein. Wer etwa ein schlechtes Selbstwertgefühl hat, könnte geneigt sein, viel zu rauchen oder zu trinken, woraus Krankheitsanlässe entstehen könnten. Der Verzweifelte geht ohne warme Socken in den Schnee und Wupps! hat er einen Schnupfen. Und der Krebsdiagnostizierte gerät in eine ernsthafte psychische Krise und schon klebt der Stempel der "Krebspersönlichkeit" an ihm. Jeder kennt doch einfach zu viele psychisch hochgradig gefährdete oder kranke Menschen, die KEINEN Krebs entwickeln.
Ich frage mich, ob die Schiene "Stärkung der Psyche = Stärkung Immunsystem = Krebsabwehr" tatsächlich haltbar und erfolgversprechend ist. Das ist eine echte Frage, keine versteckte Behauptung.
"Krebspersönlichkeit" meint, dass eine Summe individueller psychischer Eigenschaften (landläufig Veschlossenheit, Zurückhaltung, Ängstlichkeit, Verklemmtheit, Stressanfälligkeit, Selbstzweifel, Depression u.v.m.) zu einer erhöhten Anfälligkeit für Krebs führt. Eben dies wird nicht nur von den im obigen Artikel zutierten Wissenschaftlern bestritten. Ich bin verwundert, dass Betroffene, dies doch annehmen, aber auch interessiert daran, die Gründe zu erfahren.

Zitat Schorschel
Mit "selber an seiner Krankheit schuld sein" hat das Ganze sowieso nichts zu tun.<?XML:NAMESPACE PREFIX = O /><O:P></O:P>

Doch! Ich befürchte, da ist unsere Psyche schon eher einfach gestrickt. Wer hat so makellos gelebt und gewirkt, alle Konflikte bewältigt, alle Träume und geheimen Wünsche ausgelebt, so dass er ohne den Hauch psychischer Belastung durchs Leben gegangen wäre? Wer das nicht von sich behaupten kann, der wird dann auch etwas finden, das er hätte besser machen können, um seinen Krebs somit zu verhindern. Und schon kann das Gefühl, selbst mit schuld zu sein, entstehen.

Eine in meinen Augen recht gute Zusammenfassung zum Thema findet man hier: http://www.krebsinformationsdienst.de/Fragen_und_Antworten/psychische_einfluesse_krebsentstehung.html

Einen schönen Tag!
Wassermann
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Anonymous1
01.11.2007, 09:30
So hat die Psyche zweifellos einen nachhaltigen Einfluss auf die Robustheit des Immunsystems; dieses wiederum ist mitverantwortlich dafür, ob und/oder wie lange der Körper sich gegen Zellentartung zur Wehr setzen kann. Dies ist nur einer der relevanten Aspekte, die es in ihrer Summe aus meiner Sicht zweifellos rechtfertigen, von einer „Krebspersönlichkeit“ zu sprechen.
...zweifellos...?

Harro
02.11.2007, 10:57
Mit der Krankheit leben lernen

Hallo, hierzu paßt auch der Beitrag aus dem "Mannheimer Morgen" vom 30.10.2007:

http://www.morgenweb.de/ratgeber/gesundheit_und_ernaehrung/20071030_b040804000_10906.html

"Was die meisten von uns eint, sind unsere Zweifel, was uns trennt, sind unsere Überzeugungen"
(Sir Peter Ustinov)

Gruß Hutschi

Tochter75
04.11.2007, 19:21
Wenn es eine "Krebspersönlichkeit" tatsächlich gäbe und sonst nichts eine Rolle spielte, würde man sich vermutlich nicht so viele Gedanken über Kanzerogene in der Umwelt machen.
Allerdings denke ich, dass glückliche Menschen, wenn sie denn Krebs bekommen, vermutlich weiterhin besser leben werden als schon zuvor unglückliche Leute mit der gleichen Diagnose. Und ich glaube, dass positives Denken das Immunsystem insofern stärkt, dass man weniger von Infektionskrankheiten etc. heimgesucht wird, wie jemand, der nur unglücklich ist. Vielleicht kennt das ja jeder aus harmlosen Situationen. Wenn man viel Stress hat, kann einen eine Erkältung viel leichter hinstrecken, als wenn man sich Ruhe gönnt und gelassener ist.

Gruß, Melanie

Harro
09.11.2007, 09:13
Zur Entspannung

Hallo, Melanie, solche Metaphern helfen manchmal auch, sich abzulenken

Footprints

One night a man had a dream. He dreamed he was walking along the beach with the Lord. Across the sky flashed scenes from his life. For each scene, he noticed two sets of footprints in the sand; one belonging to him and the other to the Lord. When the last scene of his life flashed before him, he looked back at the footprints in the sand. He noticed that many times along the path of his life there was only one set of footprints. He also noticed that it happened at the very lowest and saddest times in his life.

This really bothered him and he questioned the Lord about it. "Lord, you said that once I decided to follow you, you'd walk with me all the way. But I have noticed that during the most troublesome times in my life, there is only one set of footprints. I don't understand why you would leave me when I needed you most."

The Lord replied: "My child, my precious child, I love you and I would never leave you. During your times of trial and suffering, when you see only one set of footprints, it was then that I carried you."

Ich bin nicht religiös beeinflußt; aber so etwas lese ich immer wieder gern wie in den Zeiten als Kind.

"Die höchte aller Leistungen ist, den Gegner zu unterwerfen, ohne mit ihm zu kämpfen" (Sun Zi)

Gruß Hutschi