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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Unsichere Therapieentscheidungen



HWLPORTA
24.07.2006, 16:01
Liebe Mitstreiter,

Zur Entscheidung, ob und welche Art der Behandlung nach einer PCa-Diagnose durchgeführt werden soll, kann nachstehende Grob-Übersetzung einer Veröffentlichung aus dem US-Fachjournal "Cancer" hilfreich sein.

Freundliche Grüße
HWL

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Angst und fehlerhafte Vorstellungen führen zur Entscheidung der Patienten, ihren Prostatakrebs behandeln zu lassen

Eine Studie der Universität Colorado in Denver/USA zeigt, daß sich die Patienten nach der frischen Diagnose "Prostatakrebs" oftmals schon kurze Zeit später nicht mehr an die Informationen ihrer Ärzte über die verschiedenen Behandlungsoptionen, Risiken und zu erwartenden Auswirkungen erinnern. Stattdessen neigen sie dazu, ihre Entscheidungen auf Grund von Angst und Unsicherheit möglichst schnell zu fällen, geleitet von falschen Eindrücken und Erzählungen von Bekannten, die mit der gleichen Diagnose behandelt wurden.

Um festzustellen, welche Fakten den Entscheidungsprozess der Patienten beeinflussen, interviewte der Arzt Dr.Thomas D.Denberg eine Anzahl frisch diagnostizierter Patienten, die er vom Denver Veterans Affairs Medical Center überwiesen bekommen hatte. Ihr Alter lag zwischen 54 und 80 Jahren, alle Patienten hatten ein PCa mit mäßigem GS-Wert (<7), einen PSA-Wert von 7,4 (Mittelwert) und eine Einstufung als lokalisierten PCa.

Die meisten Männer wünschten eine möglichst baldige Behandlung, ohne Berücksichtigung von eigenen Kenntnissen über ihre tatsächliche Situation. Die Patienten zeigten eindeutig eine Tendenz zur Prostatektomie, die von ihnen offenbar als "Goldstandard" angesehen wurde. Diese Tendenz war festzustellen trotz der Erkenntnisse und Meinungen, die sie vorher vertreten hatten. Entsprechend sahen die meisten Patienten eine Operation als beste Option für sich. Alle dachten, die Operation sei die beste Möglichkeit, um auch die letzten Spuren des Krebses vollständig zu beseitigen. Wie Teilnehmer der Forschungsgruppe berichteten, wurden "verglichen mit der Operation die anderen Behandlungsmöglichkeiten weniger dringlich, weniger geeignet, eher mysteriös und unsicher" angesehen.

Von den Patienten, die einer Operation nicht zustimmten, hatten einige als Grund genannt, daß Operation und Narkose gefährlich seien und möglicherweise zum Tode führen könnten, daß sich ihre Erholung verlängern würde und dazu noch schmerzhaft sei, daß die Berührung des Tumors mit der Luft eine Verbreitung der Krebszellen bewirke und daß eine Operation grundsätzlich Impotenz bedeute. Unabhängig davon, welche Behandlungsoption die Patienten auch wählten, keiner von ihnen machte sich explizit Gedanken über die Neben- und Nachwirkungen der Behandlung.

Viele Patienten berichteten von Erfahrungen ihrer Bekannten und gründeten Ihre Entscheidung eher auf diesen Erzählungen als auf den Informationen während der ärztlichen Beratung. Fast die Hälfte der Patienten suchte unabhängig von ihren Ärzten nach Informationen über ihre Krankheit (Bücher, Broschüren, Internet), fand dies aber eher als verwirrend und widersprüchlich.

Die Gruppe um Dr. Dernberg empfahl, daß die behandelnden Ärzte diese
häufigen Mißverständnisse und Fehlinformationen genau beschreiben und richtigstellen sollten. Auch sollten sie der Angst der Patienten und dem Einfluß von Geschichten aus der Bekanntschaft größere Aufmerksamkeit widmen als bisher.

Quelle: Auszug aus MEDSCAPE (Reuters Health, 06.Juli 2006) nach "Cancer" 2006, 107.

Carola-Elke
24.07.2006, 20:36
...
Ihr Alter lag zwischen 54 und 80 Jahren, alle Patienten hatten ein PCa mit mäßigem GS-Wert (<7), einen PSA-Wert von 7,4 (Mittelwert) und eine Einstufung als lokalisierten PCa.

Die meisten Männer wünschten eine möglichst baldige Behandlung, ohne Berücksichtigung von eigenen Kenntnissen über ihre tatsächliche Situation.
Die Patienten zeigten eindeutig eine Tendenz zur Prostatektomie, die von ihnen offenbar als "Goldstandard" angesehen wurde.
Diese Tendenz war festzustellen trotz der Erkenntnisse und Meinungen, die sie vorher vertreten hatten. Entsprechend sahen die meisten Patienten eine Operation als beste Option für sich.
Alle dachten, die Operation sei die beste Möglichkeit, um auch die letzten Spuren des Krebses vollständig zu beseitigen.
Wie Teilnehmer der Forschungsgruppe berichteten, wurden "verglichen mit der Operation die anderen Behandlungsmöglichkeiten weniger dringlich, weniger geeignet, eher mysteriös und unsicher" angesehen.

Von den Patienten, die einer Operation nicht zustimmten, hatten einige als Grund genannt, daß Operation und Narkose gefährlich seien und möglicherweise zum Tode führen könnten, daß sich ihre Erholung verlängern würde und dazu noch schmerzhaft sei, daß die Berührung des Tumors mit der Luft eine Verbreitung der Krebszellen bewirke und daß eine Operation grundsätzlich Impotenz bedeute.
Unabhängig davon, welche Behandlungsoption die Patienten auch wählten, keiner von ihnen machte sich explizit Gedanken über die Neben- und Nachwirkungen der Behandlung.

Viele Patienten berichteten von Erfahrungen ihrer Bekannten und gründeten Ihre Entscheidung eher auf diesen Erzählungen als auf den Informationen während der ärztlichen Beratung.
Fast die Hälfte der Patienten suchte unabhängig von ihren Ärzten nach Informationen über ihre Krankheit (Bücher, Broschüren, Internet), fand dies aber eher als verwirrend und widersprüchlich.

Die Gruppe um Dr. Dernberg empfahl, daß die behandelnden Ärzte diese
häufigen Mißverständnisse und Fehlinformationen genau beschreiben und richtigstellen sollten. Auch sollten sie der Angst der Patienten und dem Einfluß von Geschichten aus der Bekanntschaft größere Aufmerksamkeit widmen als bisher.

Quelle: Auszug aus MEDSCAPE (Reuters Health, 06.Juli 2006) nach "Cancer" 2006, 107.

Hallo HWL,
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danke für diesen sehr informativen Bericht, der ziemlich genau die Tendenz auch hier im Forum bei den jüngeren Betroffenen wiedergibt.
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Etwas anders sehe ich die Darstellung über die Bedenken hinsichtlich evt. Nebenwirkungen einer Behandlung - da erkenne ich durchaus gewisse Sorgen und häufige Anfragen im Forum.<O:p></O:p>
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Wollen wir uns daher um so mehr bemühen, die angesprochenen "verwirrenden Informationen aus u.a. dem Internet" für Neulinge so gut wie möglich zu beseitigen!<O:p></O:p>
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Genauso sollten sich die angesprochenen Ärzte bemühen, so viel objektive Aufklärung wie nur möglich zum Patientenwohl zu leisten.<O:p></O:p>
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Viele Grüsse,<O:p></O:p>

Carola-Elke<O:p></O:p>
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Reinardo
24.07.2006, 21:52
Hallo HWL.
Der von Dir freundlicherweise übersetzte Bericht passt allerdings ganz und garnicht nicht in das Vorstellungsmuster, das sich bei mir im Laufe der Jahre durch Beobachtung und Erleben gebildet hat. Zunächst unterstellt er eine umfassende Aufklärung der neu Diagnostizierten über alle Behandlungsoptionen, deren Risiken usw. Das scheint mir doch eher die Ausnahme zu sein. Dass sich Patienten eine möglichst schnelle Behandlung wünschen, ist richtig, aber das geschieht infolge von Angst als Ergebnis eben n i c h t umfassender Aufklärung. Dass die Tendenz zur Prostatektomie besteht und andere Therapieoptionen als "weniger dringlich, weniger geeignet, eher myteriös und unsicher" angesehen werden scheint mir auch weniger das Ergebnis eigenständiger Überlegungen nach Schriftenstudium zu sein als vielmehr das Endresultat ärztlicher Beratung. Dabei wären die Befragten aufgrund ihrer durchweg günstigen Prognosen hinsichtlich nicht radikaler Therapien auch nicht schlecht beraten gewesen.
Das ganze sieht mir nach einer Fragebogen-Aktion aus, welche die Prostatektomie ex post bestätigen sollte.
Gruss, Reinardo

Carola-Elke
24.07.2006, 22:46
...
Zunächst unterstellt er eine umfassende Aufklärung der neu Diagnostizierten über alle Behandlungsoptionen, deren Risiken usw. Das scheint mir doch eher die Ausnahme zu sein.
....


Hallo Reinardo,

da scheinen wir beide unterschiedlicher Wahrnehmung zu unterliegen, denn ich lese aus den Zeilen heraus, dass
-"Die meisten Männer wünschten eine möglichst baldige Behandlung, ohne Berücksichtigung von eigenen Kenntnissen über ihre tatsächliche Situation." und
-"Viele Patienten berichteten von Erfahrungen ihrer Bekannten und gründeten Ihre Entscheidung eher auf diesen Erzählungen als auf den Informationen während der ärztlichen Beratung."...

Von allzu großer ärztlicher Beratung und Aufklärung fehlt mir eher jede Spur.



...
Das ganze sieht mir nach einer Fragebogen-Aktion aus, welche die Prostatektomie ex post bestätigen sollte.

Gruss, Reinardo

Da könntest du richtig liegen.

Beurteilt aber nicht gerade in letzter Zeit die überwiegende Anzahl der hier anfragenden Neudiagnostizierten die Angelegenheit ähnlich?
Alle suchen nach einem "kurativen" Behandlungsansatz und dieser wird ihnen am ehesten durch die radikale Entfernung der Prostata versprochen.
Sobald viele Erstdiagnosen durch die PSA-Messung im lokal begrenzten Stadium gestellt werden, um so häufiger wird es zukünftig bei jüngeren Patienten zu RPEn kommen.
Das scheint in der Natur der Sache zu liegen, denn den "Krebs los zu werden" ist vielen Patienten das größte Anliegen.
Ähnlich einem Mythos, der in der Vorstellung vieler Menschen fest verankert ist.
Hinsichtlich dieser Vorstellung sollten die modernen Urologen/Onkologen verstärkt umfangreiche Hilfestellung und Aufklärung leisten.
Persönlich halte ich diesen Wunsch allerdings für schwer realisierbar.

Viele Grüsse,

Carola-Elke

HWLPORTA
25.07.2006, 11:40
Hallo Carola-Elke und Reinardo,

Die erwähnten Interviews wurden mit amerikanischen Männern durchgeführt. Eigene Eindrücke aus dem Verhalten deutscher PCa-Patienten und deutscher Ärzte sind möglicherweise nicht mit den Verhältnissen in USA vergleichbar.

Wie dem auch sei...... Was mir hier zur schnellen und hinreichend sicheren Entscheidungsbildung fehlt, sind systematisch aufgebaute und erprobte Kriterienkataloge, wie sie seit Jahrzehnten in vielen fortschrittlichen Unternehmen zur Beurteilung neuer Ideen, Einführung neuer Produktionsverfahren oder Dienstleistungen, Standortentscheidungen u.dgl. eingesetzt werden. Denn dort geht es häufig nicht nur um sehr hohe Investitionssummen sondern auch um Arbeitsplätze, d.h. um die Lebenqualität von Tausenden von Mitarbeitern.

Es ist somit nicht einzusehen, warum bei derart bedeutsamen, nicht korrigierbaren Entscheidungen für die nächsten Jahrzehnte, hier beim Prostatakarzinom, ohne eine professionelle Chancen-Risiko-Analyse vorgegangen wird, um die jeweils günstigste Entscheidung treffen zu können.

Ich bin der Meinung, daß man sich über die Realisierung eines von den Ärzten und Patienten anwendbaren Entscheidungssystems für Prostatakrebs Erkrankte intensiv Gedanken machen sollte, um die für den Patienten jeweils günstigste Entscheidung treffen zu können.

Freundliche Grüße
HWL

Urologe
25.07.2006, 11:59
Hallo HWL

mit Kattan, Partin, und anderen PC-Tools, wie Strum sie benutzt haben wir
Entscheidungshilfen, sie müssen nur benutzt werden (und dann auch danach gehandelt!).

Solange aber immer wieder das Ergebnis 90% Wahrscheinlichkeit systemisch lautet, dann aber eine lokale Therapie durchgeführt wird (warum?!?), werden wir in Deutschland keine neutrale Entscheidungsfindung bekommen - es kollidieren hier zu viele Interessen (Gesetz, Politik, Kassen, Finanzen etc.)

Gruss
fs