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LowRoad
26.10.2012, 17:14
Dr. von Eschenbach, former FDA Chief on Modernizing Drug and Device Approvals

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Dr. von Eschenbach: Wenn ich eine Chance habe vor Studierenden zu sprechen und sie fragen, was sie in ihrem Leben tun sollten, sage ich ihnen dies die aufregendste Zeit, um in die Medizin gehen. Und wir sind in der Mitte der tiefsten Transformation, die jemals in der Geschichte der Medizin bis hin zurück zu Hippokrates stattgefunden hat. In der Geschichte der Medizin praktizierten Ärzte wie ich, entsprechend einem Modell das auf Beobachtungen der Erscheinungsformen der Krankheit basiert. Ich fühle einen Knoten in der Brust einer Frau. Ich sehe einen Schatten auf einer Röntgenaufnahme des Thorax. Ich sehe die Manifestationen einer zugrunde liegenden Erkrankung, aber es sagt mir nichts darüber, was zu tun ist. Alle unsere Therapien und all die Dinge, die wir basierend auf diesen Beobachtungen tun, wurden empirisch ermittelt.

Heute schreiten wir basierend auf der Beobachtung dieser Manifestationen zum Verständnis der Mechanismen der Krankheit voran. Wir beginnen die Gene, die Moleküle und die zellulären Prozesse zu verstehen, die verantwortlich für das Antreiben der Krankheitsprozesse sind. Sobald wir das Wissen dieses zugrunde liegenden Mechanismus haben, führt es uns intuitiv zur richtigen Lösung, um in diesen Mechanismus einzugreifen, und das Ergebnis des Prozesses zu verändern. Krebs, zum Beispiel, ist ein Krankheitsprozess. Es beginnt mit unserer Anfälligkeit dafür, und dieser Prozess endet unglücklicher Weise mit Leid und Tod. Aber es gibt all diese Zwischenschritte, und Sie persönlich [gemeint ist Dr.Reed] haben zum Verständnis einiger dieser grundlegenden Mechanismen beigetragen. Jetzt können Ärzte strategisch agieren. Wir können in diesen Prozess in einer strategischen Weise eingreifen. Nennen Sie es "personalisierten Medizin", wenn sie so wollen. Praktizieren sie mit der richtige, Fakten basierenden, Therapie, für den entsprechenden Patienten zur richtigen Zeit, und Sie können diesen Krankheitsprogress verhindern. Damit kann man auch Krankheiten sehr früh erkennen. Man kann sie beseitigen, oder in ihrem Verhalten steuernd eingreifen, um den Verlauf zu beeinflussen. Ebenso kann man versuchen die Steigung der Progressionskurve zu ändern, damit die Patienten für den Rest ihrer Tage nie in eine lebensbedrohende Situation geraten.
Dies ist eine neue Front in der Medizin und für Ärzte. Wir werden an diese Front mit Werkzeugen gehen, die es nie zuvor gegeben hat. Wir können die Biologie mit neuer Bildgebung visualisieren. Es gibt jetzt neue Therapien, die uns zur Verfügung gestellt werden, die die Krankheit in radikaler Weise verändern können. Für Krebs gibt es jetzt nicht mehr nur Operation, Chemotherapie und/oder Bestrahlung. Die Zukunft für Ärzte ist die aufregendste Zeit, und doch ist es eine Zukunft, die wir erst vollständig begreifen müssen

Dr. Reed: Als ehemaliger Direktor des NCI [National Cancer Institute], sehen Sie da einen Tag kommen, an dem Krebspatienten nicht mehr auf der Grundlage, ob Krebs in der Lunge, dem Dickdarms oder der Prostata entstanden ist, behandelt werden, sondern auf der Basis der zugrunde liegenden Genetik des Krebses? Durch die Abstimmung der Therapien auf die vorhandenen Mutationen - ist das ihre Vermutung, wie Medizin in der Zukunft aussehen wird?

Dr. von Eschenbach: Ganz genau. Wir sind bei der Kategorisierung der Krankheiten auf der Grundlage dessen, was wir beobachten konnten, was wir sehen konnten, vorangekommen. Wir nennen etwas "Brustkrebs", weil wir einen Knoten in der Brust einer Frau fühlen, oder wir nennen etwas "Lungenkrebs", weil es in der Lunge ist. Aber jetzt, da wir bei den zugrunde liegenden Mechanismen suchen, wissen Sie was? Wir finden heraus, dass einige Untergruppen von Lungenkrebs genau wie eine andere Art von Krebs aussieht. Und aus dieser Sicht setzen wir die gleiche Behandlung ein. Sie können ein Medikament für chronische myeloische Leukämie [CML] verwenden, und es funktioniert außerordentlich gut im gastrointestinalen Stroma und Tumoren des Magens [gemeint ist Imatinib/Glivec®]. Noch wichtiger ist es, den Mechanismus der Angiogenese, dem abnormen Wachstum von Blutgefäßen bei Krebs zu verstehen. Wir entwickeln ein Medikament welches das Krebswachstum verlangsamen kann, und es stellt sich heraus, es ist eines der wirksamsten Medikamenten zur Makula-Degeneration des Auges ist [gemeint ist Bevacizumab/Avastin®].

Für Ärzte und für diejenigen von uns die in der medizinischen Praxis arbeiten, werden wir der Krankheit durch eine andere Sichtweise begegnen. Wenn wir durch diese verschiedenen Sichtweisen schauen, werden wir in der Lage sein, neue Wege bei vielen Krankheiten zu gehen. Krebs ist dabei nur die Spitze. Aber wir werden die gleiche Art von dramatischen Veränderungen und Durchbrüchen auch in den neurokognitiven Erkrankungen, der Diabetes und/oder den kardiovaskulären Erkrankungen sehen. ...

Dr. Reed: Bis diese spannenden neuen Therapien in der Praxis zur Verfügung stehen, müssen sie von der FDA zugelassen werden. Sie sind ein ehemaliger Vorsitzender von FDA Kommissionen. Einige Ärzte sind frustriert wegen der Zeit, die es braucht, bis neue medizinische Geräte und Medikamente von der FDA zugelassen werden. Sie haben mehr Verständnis für die Agentur und den Mangel an Ressourcen den sie hat erkennen lassen, da sie einen mächtigen harten Job durchzuführen hat. Was denken Sie, sollten wir tun - entweder das amerikanische Volk oder die Bundesregierung - zur besseren Unterstützung der FDA und ihre Bemühungen um dringend benötigte Behandlungen für Patienten schneller zu erreichen?

Dr. von Eschenbach: Die Bedeutung der FDA kann nicht überbetont werden. Die FDA ist absolut entscheidend, für diesen gesamten Prozess des Fortschritts, über den ich gesprochen habe. Gehen wir zurück zu unserem Modell der Entdeckung, Entwicklung und der pharmazeutischen Unternehmen in der Medizin. Dieser Prozess ist nicht mehr linear - vom Labortisch zum Krankenbett. Er ist eigentlich kreisförmig.Was wir im Sinne der praktizierenden Ärzte sehen, ist, dass nun Werkzeuge verfügbar sind, die uns helfen, ein besseres Verständnis der Biologie von menschlichen Krankheiten zu bekommen. Wenn wir Krankheiten behandeln oder in den menschlichen Körper eingreifen, durch funktionelle Bildgebung oder was auch immer, ist das eigentlich eine Entdeckungs-Reise, was diesen Prozess kreisförmig gestaltet. Der Erfolg des Prozesses der Entdeckung, Entwicklung und Bereitstellung basiert auf Geschwindigkeit. Wie schnell können wir etwas tun? Wie schnell können wir das Rad des Wissens in Schwung halten? Die Nabe des Rades ist die FDA. Sie kann die Bremse sein, oder sie kann den Prozess antreiben. Es ist eindeutig entscheidend, wie schnell wir in der Lage sind, von einer brillanten Entdeckung im Labor bis zu dem Punkt wo wir einen Unterschied im Leben des Patienten bewirken, zu kommen.

Die Zulassung muss modernisiert werden. Es ist eine Sache, dafür zu sorgen, dass die Agentur die Kapazität und die Fähigkeit dafür bekommt. Finanzierung der Ressourcen ist von entscheidender Bedeutung. Aber was noch wichtiger ist, wir brauchen eine neue Art der Geschäftstätigkeit. Wir können nicht länger mit einem regulatorischen Prozess und Rahmen vorankommen, der uns im 20. Jahrhundert gut gedient hat, aber völlig unzureichend für diese neuen Realitäten des 21. Jahrhunderts ist. Für Ärzte, vor allem kommunale Ärzte, ist es völlig einsichtig, dass wir eine tragende Rolle in der Durchführung klinischer Studien spielen. Die Art, wie wir aktuell Medikamente zulassen, Phase 1, Phase 2 und Phase 3 der klinischen Studien steht nicht im Einklang mit der Variabilität der Krankheit. So sollten wir versuchen, die FDA Zulassung zu verändern. Und dabei werden wir die Erwartungen der Menschen zu erfüllen haben.

Dr. Reed: Wir freuen uns sehr, das zu hören. An der Feier der Science Conference, hörten wir eine Vertreterin der FDA, Janet Woodcock, die mehr adaptive klinische Studien Designs forderte. Das ist eine Gelegenheit für uns, um die Geschwindigkeit des Lernens zu erhöhen durch Umsetzung zeitnaher Ergebnisse von Bildgebung und Biomarkern, zur Erkennung von Wirksamkeit von Medikamenten.

Dr. von Eschenbach: Die FDA führt die Regulierung in einer Weise durch, wie es die Ärzte in der Praxis handhaben. Zunächst will jeder Patient personalisierte Medizin. Sie wollen alle wissen, was richtig und was das Beste für sie ist. "Doktor, was soll ich tun?" Wir haben jetzt die Werkzeuge, um viel genauer darauf zu reagieren. Aber jeder Patient wird auch in einer gewissen Weise sein eigenes Experiment durchführen. Wir wenden eine Therapie an, basierend auf einer wohlüberlegten Vermutung durch einen sehr anspruchsvoll ausgebildeten Arzt. Aber man weiß nie, ob es tatsächlich wirksam in diesem speziellen Patienten ist. Wir beobachten die Ergebnisse und wir verändern die Behandlung, bis wir zu einem gewünschten Resultat kommen. Warum gehen wir nicht diesen Weg auch in der Zulassung von Medikamenten? Warum verwenden wir nicht adaptive Studiendesigns, so dass wir während der Ausführung weiter lernen und die Therapien anpassen, anstatt routinemäßig diesen Prozess sequenziell zu beschreiten, wie wir es gewohnt sind? Wir müssen offen sein für Veränderungen. ...

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[1]: (http://www.medscape.com/viewarticle/771952) Eschenbach, Reed: Modernizing Drug and Device Approvals

hartmuth
26.10.2012, 22:52
Hallo LowRoad,
ein interessantes Gespräch. Deine Intention, dies zu übersetzen und hier zu veröffentlichen, kann ich nur begrüßen. Danke. Es stützt unsere Sichtweise, die wir und einige wenige seit einigen Jahren hier im Forum vertreten:

Heute schreiten wir basierend auf der Beobachtung dieser Manifestationen zum Verständnis der Mechanismen der Krankheit voran. Wir beginnen die Gene, die Moleküle und die zellulären Prozesse zu verstehen, die verantwortlich für das Antreiben der Krankheitsprozesse sind. Sobald wir das Wissen dieses zugrunde liegenden Mechanismus haben, führt es uns intuitiv zur richtigen Lösung, um in diesen Mechanismus einzugreifen, und das Ergebnis des Prozesses zu verändern.

Hans-J.
28.10.2012, 08:03
Hallo Andi,

auch meinen Dank für diesen - in Deutscher Sprache - gefassten Beitrag,
Besonders nachfolgende Zusammenfassung ist Musik in meinen Ohren. Bleibt zu hoffen, dass evtl. über den Teich die Impulse zu uns getragen werden.


Dr. Reed: Wir freuen uns sehr, das zu hören. An der Feier der Science Conference, hörten wir eine Vertreterin der FDA, Janet Woodcock, die mehr adaptive klinische Studien Designs forderte. Das ist eine Gelegenheit für uns, um die Geschwindigkeit des Lernens zu erhöhen durch Umsetzung zeitnaher Ergebnisse von Bildgebung und Biomarkern, zur Erkennung von Wirksamkeit von Medikamenten.

Dr. von Eschenbach: Die FDA führt die Regulierung in einer Weise durch, wie es die Ärzte in der Praxis handhaben. Zunächst will jeder Patient personalisierte Medizin. Sie wollen alle wissen, was richtig und was das Beste für sie ist. "Doktor, was soll ich tun?" Wir haben jetzt die Werkzeuge, um viel genauer darauf zu reagieren. Aber jeder Patient wird auch in einer gewissen Weise sein eigenes Experiment durchführen. Wir wenden eine Therapie an, basierend auf einer wohlüberlegten Vermutung durch einen sehr anspruchsvoll ausgebildeten Arzt. Aber man weiß nie, ob es tatsächlich wirksam in diesem speziellen Patienten ist. Wir beobachten die Ergebnisse und wir verändern die Behandlung, bis wir zu einem gewünschten Resultat kommen. Warum gehen wir nicht diesen Weg auch in der Zulassung von Medikamenten? Warum verwenden wir nicht adaptive Studiendesigns, so dass wir während der Ausführung weiter lernen und die Therapien anpassen, anstatt routinemäßig diesen Prozess sequenziell zu beschreiten, wie wir es gewohnt sind? Wir müssen offen sein für Veränderungen. ...


Gruss
Hans-J.