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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Krebs-Screening im Zwielicht



Reinardo
09.08.2013, 15:14
Hallo:-

Dass die Berliner Zeitung in Sachen Prostatakrebs über ein paar kluge Köpfe verfügt, ist mir schon beim 5. Berliner Krebsaktionstag am 25.2.2011 aufgefallen. In der heutigen Kolumne fndet sich ein Kommentar von Karl-Heinz Karlsch über das Krebs-Screening, auch "Vorsorge" oder "Krebsfrüherkennung" genannt. Die Berliner Zeitung kostet 1 Euro (billiger ist nur der Berliner Kurier, der mit 70 Cent allerdings schon überbezahlt ist). Politisch steht die Berliner Zeitung links, neigt daher zu Einseitigkeiten, aber die Zeitung informiert sehr gut, auch überregional, und hat, was Prostatakrebs betrifft, offenbar einen Goldfisch in ihrem Redaktionsteam.

"Die Zahl der Mediziner wächst, die vor den weltweit wuchernden Screening-Programmen gegen alle möglichen Krebsarten warnen. Entsteht da viel mehr Schaden als Heilung? Vor allem bei Brust- und Prostatakrebs entdecken die Ärzte oft Geschwulste, die nie im Leben der Patienten auffällig geworden wären. So wird durch das Screening viel zu oft operiert. Ärzte treiben unzählige Menschen durch einen angstauslösenden Diagnose-Marathon. Nach einer Prostata-OP etwa sind Männer häufig impotent und/oder inkontinent, die Lebensqualität ist zerstört. Inzwischen liegen größere Studien vor. Sie zeigen, dass in gescreenten Gruppen die Todesrate teilweise höher liegt als in Vergleichsgruppen, die nicht zur Vorsorge gegangen sind. Das Bedrückende ist, dass all das Sratistik ist. Da mag der eine oder andere vom Krebs geheilt worden sein. Dafür wurden fünf oder sechs unsinnig operiert und noch viel mehr durch den Verdacht in Angst und Schrecken versetzt. Allein für die USA wird geschätzt, dass jährlich rund 30.000 Menschen nicht an ihrer Krankheit sterben, sondern an den Folgen überaggressiver Therapien. - Und was mache ich? Meine Darmkrebsvorsorge gilt als Paradebeispiel einer komplikationsarmen Untersuchung. Interessanterweise werden die Zwischenfälle stets auf 1.000 Untersuchte angegeben. Da sind ernsthafte Komplikationen wie Darmperforationen mit 0,8 fast nichts. Auf 100.000 Menschen hochgerechnet sind das aber 80 Perforationen. Hinzu kommen 20 Herzinfarkte. Ist das vertretbar bei 63 Darmkrebsfällen bei Männern und in 40 bei Frauen, die auch mit einem Stuhltest entdeckt werden können?"

Soweit auszugsweise die Kolumne. Am Schluss die Gretchenfrage: Würdest Du, würde ich den eigenen Sohn zur Prostatakrebs-Vorsorge schicken? Riskieren, dass er bei positivem Befund in eine Spirale grober, gefährlicher, oft ungenauer Diagnostik und die Lebensqualität möglicherweise auf Lebenszeit zerstörender Therapien geraten könnte?

Gruß, Reinardo

PS. Das Thema wurde in einer Sendung des rbb Fernsehens, Kontraste, am 27.5.2013 behandelt und hat zu einer heftigen Reaktion der Deutschen Gesellschaft für Urologie geführt, sekundiert durch eine Brief des Bundesverbandes Prostatakrebs Selbsthilfe an den Programmdirektor. Erst am Schluss des Briefes steht der eigentlich wichtigste Satz: "Nicht der PSA-Test ist problematisch, aber der Umgang mit seinen Ergebnissen kann es sein". http://www.prostatakrebs-bps.de/index.php?option=com_content&task=view&id=879&Itemid=260

uwes2403
09.08.2013, 15:47
Moin,

ich glaube, der letzte Satz drückt das Problem am Besten aus.....

Ich bin jedenfalls recht froh, dass mein "Hausarzt" eher nebenbei des PSA mitbestimmt hat....die Wahrscheinlichkeit, dass ich mit dem Staging die nächsten 20 Jahre beschwerdefrei geblieben wäre ist wohl nicht allzu hoch.

Grüße

Uwe

Reinardo
09.08.2013, 17:20
Ich hatte die Sendung bei rbb leider nicht gesehen. Auf Rückfrage bei der Redaktion schreibt man mir, dass der Text der Sendung hier nachgelesen werden kann: http://www.rbb-online.de/kontraste/archiv/kontraste_vom_16_05/frueherkennung_bei.html#top Gruß, Reinardo

Hvielemi
09.08.2013, 19:00
Ich bin jedenfalls recht froh, dass mein "Hausarzt" eher nebenbei des PSA mitbestimmt hat....die Wahrscheinlichkeit, dass ich mit dem Staging die nächsten 20 Jahre beschwerdefrei geblieben wäre ist wohl nicht allzu hoch.


Lieber Uwe

Du und ich haben nach RPE ein ähnliches Staging/Grading, wenngleich dein
PSA bei der Erstdiagnose rund zehnmal höher war als der Meine.
Der war über Jahre systematisch überwacht worden, allerdings ohne mein Wissen.
Dein N1 von 1/25 sieht allerdings viel besser aus als meine 2/2.

Und wir beide haben Biopsie und OP überlebt, was überhaupt nicht selbstverständlich
ist, haben die Verstümmelung der Inkontinenz nicht erlitten und haben unsere
Nervenbahnen - zumindest teilweise - erhalten können. Das Gröbste, was durch
das PSA-Screening ausgelöst worden ist, haben wir also besser hinter uns gebracht
als viele Mitbetroffene. 'Wanderfreund' etwa spricht von seiner "Wasserhose".

Deine Zweittherapie läuft ja noch.

Aber für mich will es mal so sagen:
Meine "Wahrscheinlichkeit, dass ich mit diesem Staging die nächsten 20 Jahre
beschwerdefrei geblieben wäre, ist wohl nicht allzu hoch" und hat sich durch
das Screening trotz umgehender Therapie kaum verändert.

Mir hat das Screening eine schwere OP eingetragen mitsamt den entsprechenden
Beschwerden. Nun steck ich in der AHT, genau gleich, wie ich es aufgrund
von jenen Beschwerden stecken würde, die irgendwann von dem rasch
wachsenden Tumor verursacht worden wären.


Es ist eine schmale Gruppe, die vom Screening profitiert:
Jene, deren Tumor zwar so aggressiv ist, dass sie an ihm sterben würden,
aber zugleich erst so weit fortgeschritten ist, dass er bei der RPE und/oder
RT vollständig zerstört werden kann.
Dazu kommen auch jene AS-ler, die aufgrund der Überwachung sich
eines Tages zur Therapie entscheiden müssen und diese erfolgreich,
also geheilt, abschliessen können. All jene AS-ler, die sich frühzeitig
operieren lassen, weil sie die dauernde Ungewissheit nicht mehr
aushalten, stehen auf der Opferseite der Übertherapierten, ebenso wie
all jene, denen gleich eine RPE verkauft wird, statt AS.

Viele der AS-Kandidaten kommen ohne Therapie durch.
Das wäre auch der Fall ohne Screening.
Auch die Gruppe mit hochaggressivem Tumor, deren Metastasen
nicht durch RPE und/oder RT kontrolliert werden können,
profitieren kaum vom Screening - siehe mein Beispiel.

Ebenfalls nicht profitieren - im Gegenteil - jene Wenigen, die
an einer Sepsis bei der Biopsie oder während der RPE oder an
deren Folgen zugrunde gehen, und jene, die sich angesichts der
Krebsdiagnose frühzeitig selbst entleiben.

Es sind nicht dieselben, die ohne Screening sterben würden, und
jene, die als indirekte Folge des Screenings ihr Leben lassen.

So werden all jene, denen das Screening einen Vorteil gebracht
hatte, eifrig für das Programm sprechen.
Jene, denen es keinen Vorteil brachte, werden indifferent bis
ablehnend dazu stehen.
Aus Patientensicht ergibt sich somit ein Patt in dieser Frage.
Statistisch soll es ja nicht viel besser stehen.


Dass Du nach vollendeter RT auf der Gewinnerseite stehest,
wünscht Dir von Herzen

Hvielemi

wanderfreund
10.08.2013, 09:20
@ Hvielemi ....."Wasserhose"

Nur zur Vollständigkeit: Ich nenne es immer "nasse, tote Hose" als Nebenwirkung aggressiver Therapien (RPE und RT) und tröste mich mit einem Blick auf die PSA-Grafik bei "myprostate". Brauch keine Medizin, eigentlich auch keine Arztbesuche und bin gerne bereit, meinen Schwerbeschädigtenausweis (80%) in zwei Jahren wieder abzugeben.
Allerdings glaube ich, dass bei einem früheren Screening, die aggressiven Therapien bei mir nicht erforderlich gewesen wären.

Roland

Hvielemi
10.08.2013, 09:57
@ Hvielemi ....."Wasserhose"
...
Allerdings glaube ich, dass bei einem früheren Screening, die aggressiven Therapien bei mir nicht erforderlich gewesen wären.


'tschuldigung, Roland, ich glaubte, den nassen Ausdruck mal bei Dir gelesen zu haben.

Hättest Du früher PSA messen lassen, z.B. beim Arztbesuch vom November 2005, wäre der Wert wohl unter 4 gewesen und unbesehen durchgewunken worden.

Damit ist der Schwachpunkt des PSA-Screenings benannt:
Die Unterscheidung zwischen "gutartigem" PSA von BPH oder Entzündung, Radeln oder Sex und "bösartigem" PSA vom Krebs ist unmöglich, wenn man nicht über eine Messreihe verfügt, die zumindest bis an, oder besser über den 'Latenzpunkt' nach Glättli heranführt. Doch ist der mal überschritten, erkennt auch der interessierte Laie mit einer Tabelle oder logarithmischen Grafik, dass die PSA-Verdoppelungszeit nun kürzer wird, aber dann ist es eben für Viele schon zu spät, und welcher Laie ist zu diesem frühen Zeitpunkt seiner Krebs-Karriere schon interessiert oder gar informiert?

Weiter: Dein OP-Entscheid fiel aufgrund eines PSA von nahezu 10. Ironischerweise war er dann am Tag der RPE gesunken auf 6.45. Die Differenz zum alllerersten PSA-Wert stammte also offensichtlich nicht vom Krebs.

Verkehrte Welt, aber im Einzelfall zählt nur Eines:
Deine - im zweiten Anlauf - erfolgreiche Heilung!
Trotz aller Nebenwirkungen eine Herzliche Gratulation zu diesem Ergebnis!

Carpe diem!
Hvielemi

uwes2403
10.08.2013, 11:35
Hallo Hvielmi,

danke für die guten Wünsche.

Du hast natürlich insofern recht, als dass ich nicht weiss, welchen Verlauf es genommen hätte, wenn ich diese doch recht umfangreichen - und glücklicherweise mit überschaubaren Nebenwirkungen versehenen - Therapien nicht angegangen wäre. Das weiss niemand..hier kann man nur vermuten. Mit diesem Gedanken halte ich mich aber offengestanden auch nicht auf....ich habe mich nun mal für diesen Weg entschieden und hoffe, es war der richtige. (In einem anderen Beitrag war die Rede davon, dass man bei Auswertung von Informationen zunächst einmal Bestätigung für seine Entscheidungen sucht...mag sein..)

Auch in Deinem Fall kann es doch durchaus sein, dass die OP durch Massenverminderung Dir einige "Schwierigkeiten" durch Tumorwachstum in angrenzende Bereiche erspart hat......

Das Dilemma, welche Entscheidung nun die Richtige ist, insbesondere bei Fällen in der "Grauzone", bleibt bestehen....

Auch Dir alles Gute

Uwe

Hvielemi
10.08.2013, 11:57
Auch in Deinem Fall kann es doch durchaus sein, dass die OP durch Massenverminderung Dir einige "Schwierigkeiten" durch Tumorwachstum in angrenzende Bereiche erspart hat......


Ja klar, das ist zwingend so, denn ohne PSA-Bestimmung hätte ich ja erst durch solche "Schwierigkeiten" Kenntnis erhalten von meinem Krebs, der zum Diagnosezeitpunkt okkult war. Keine Angst, ich bin in keiner Weise verbittert, weil ich jetzt ohne Prostata rumlaufe. Die Vorteile der Tumormassen-Reduktion sind mir bewusst, aber auch eben, dass dieser Weg nicht zwingend der einzig "richtige" war.

Es ist nun mal so, und ich werde mich weiterhin lieber mit der Gegenwart und der Zukunft befassen, als rückblickend eine quälende Nabelschau zu betreiben.

Carpe diem!
Hvielemi / Konrad

uwes2403
10.08.2013, 12:24
Es ist nun mal so, und ich werde mich weiterhin lieber mit der Gegenwart und der Zukunft befassen, als rückblickend eine quälende Nabelschau zu betreiben.

Carpe diem!
Hvielemi / Konrad

Mein Reden....

Gruß

Uwe