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Thema: Was sagt man zu einem Krebspatienten (besser nicht)

  1. #1
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    Was sagt man zu einem Krebspatienten (besser nicht)

    Die Welt der Krebspatienten und Gesunden ist eine grundlegend andere, wo Kommunikation über die Grenzen oft schwer fällt. Für Gesunde ist es offensichtlich nicht nachvollziehbar, wie sich ein Krebspatient fühlt. "Wie geht es dir" – die wohl am häufigsten gebrauchte Floskel einer erweiterten Begrüßung. Man erwartet als Standardantwort natürlich "Gut", was für einen Krebspatienten niemals zutreffen kann. Mit Krebspatient meine ich nicht Menschen die vom Krebs höchstwahrscheinlich geheilt sind, sondern solche die eine sichere Todesprognose erhalten haben.

    Immer vorausgesetzt man weiß von der Situation des Gesprächspartners, kann man jetzt noch viel mehr falsch machen, wenn man auf die zögerliche Antwort des Krebspatienten "es geht" antwortet:

    • Kopf hoch, es wird schon besser
    • Du schaffst das, du bist ein Kämpfer
    • Du siehst aber wirklich gut aus, hast du abgenommen?


    Ist das nicht furchtbar? Was also tun, wenn einem das "Wie geht es dir" so herausgerutscht ist? Immer an die Grundregel bei der Kommunikation mit Krebspatienten denken: Zuhören, zuhören, zuhören. Man könnte die Begrüßungsfloskel erweitern: "Wie geht es dir – heute? Möchtest du darüber reden"? Das klingt doch schon viel einfühlsamer und erfüllt die Grundregel – Zuhören.

    Grundsätzlich sollte man sich immer bewusst sein, dass man in unterschiedlichen Welten lebt. Niemals versuchen als Blinder von der Farbe zu berichten und gute Ratschläge zu geben wie etwa:

    • Da gibt es doch diese neue Therapie aus den USA…
    • Ich kenne einen Kollegen, der lebt schon X Jahre mit Y
    • Ach, jetzt hat sich die ganze Enthaltsamkeit, das gesunde Essen, der Sport usw. nicht gelohnt
    • Wenn ich Schnupfen habe dann gehe ich immer zu meiner Homöopathin, wäre das nicht auch was für dich?
    • Da gibt es doch diesen Wunderheiler im Schwarzwald…
    • Mit Prostatakrebs hast du noch Glück
    • Was sagen denn die Ärzte, wie lange du noch zu leben hast?


    Nun, die Liste ist fast beliebig zu erweitern, viele hier im Forum werden das kennen. Deshalb behält man seine Situation eher für sich, um solchen unbeholfenen Dummheiten zu entgehen. Das sollte man aber auch nicht übertreiben, man braucht schließlich Mitstreiter, auch außerhalb des Forums!
    prepare for the unexpected and expect to be unprepared

  2. #2
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    Hallo LowRoad,

    da habe ich eine etwas andere Meinung. Wenn mich jemand fragt wie es mir geht, so sage ich "gut" weil ich das die meiste Zeit subjektiv so empfinde. Und wenn mir jemand Ratschläge gibt, so sehe ich das auch positiv, er nimmt ja Anteil an meiner Situation auch wenn die Ratschläge meist nicht hilfreich sind.

    Wenn mich jemand fragen sollte, wie lange ich lebe, würde ich zurückfragen: "Und wie lange lebst Du?". Das weiß er genausowenig wie ich.

    Irgendwo habe ich eine Kritik an Studien gelesen, die auf amerikanischen Datenbanken basieren. Da wurde angemerkt, dass wohl irgendwo ein Fehler sein muss, denn in den Studien lebten die Prostatapatienten länger als der Durchschnitt der Bevölkerung. Aber vielleicht ist es doch so.

    Natürlich ist jeder Prostatapatient in einer anderen Situation und wird das entsprechend wieder anders sehen.

    Georg

  3. #3
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    Ich habe verschiedene Arten des Umgangs mit einem Krebskranken kennengelernt:

    1. Die Vermeider. Sie sind froh, wenn der Krebs gar nicht erwähnt wird. Falls doch, wechseln sie schnell das Thema. Auf höfliche Nachfragen wie "Und sonst, alles in Ordnung?" mit diesem Unterton von "du weisst schon, was ich meine" hören sie am liebsten ein einfaches "Ja".
    2. Die Verharmloser. "Du wirst bestimmt uralt." "Mein Nachbar hat auch seit 15 Jahren Prostatakrebs, dem geht es prima." "Du siehst doch ganz gesund aus." "PSA von 1,2? Das ist doch fast gar nichts. Hattest du nicht mal einen von 85?" Fast wünscht man ihnen die gleiche Diagnose.
    3. Die Dramatisierer. "Oh, wie schrecklich!" "Das tut mir so leid!" "Hast du große Schmerzen?" "Mein Neffe hatte Lungenkrebs, nach 6 Monaten war er tot." Am Ende möchte man sie trösten.
    4. Die Witzbolde. "Nun gönn dir mal was. Willst doch die letzten Jahre nicht nur rumkrebsen, oder?" Hahaha.
    5. Die Helfer. "Da gibt es einen indianischen Tee, der soll auch Krebs heilen." "Ich hab im Internet eine Klinik in der Schweiz gefunden, da solltest du sofort hinfahren!" Und wenn man ihre Ratschläge nicht befolgt, ist man selbst schuld, wenn man am Krebs verstirbt.

    War ich im ersten Jahr dankbar für jeden, mit dem ich darüber reden konnte, so verschweige ich die Krankheit heute am liebsten.
    Was nicht immer einfach ist. Ist doch die Frage nach dem Beruf meist die erste. "Rentner? Dafür bist du doch noch zu jung. Erwerbsminderungsrente? Was hast du denn?" "Wieso denn vegane Ernährung? Bist du so tierlieb?"

    Aber wenn ich ehrlich bin: vor meiner Diagnose stand ich dem Thema genauso hilflos gegenüber.

    Detlef

  4. #4
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    Die "Vermeider" fahren wohl noch am besten..
    Kreisen die Gedanken nur noch um den Krebs, dann bist du im Hamsterrad, die PSA-Psychokeule läßt grüssen.
    Ich, für meinen Teil, versuche so wenig wie möglich an die Krankheit zu denken, lebe den Moment und wie Hvielemi zu sagen pflegt: Carpe Diem))
    Man könnte noch hinzufügen: "Memento Mori"

    Gruss
    WJ

  5. #5
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    Da ich schon 3x in einer Onkologischen Klinik zur AHB und REHA war wurde dort offen mit dem Thema umgegangen. Freunde wissen von meiner Krankheit auch von meiner jetzt verschwundener Inkontinenz aber es wird schon lange nicht mehr davon gesprochen. Es ist alles so wie früher und ich bin wieder überall voll dabei.

  6. #6
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    Zitat Zitat von Muggelino Beitrag anzeigen
    Ich habe verschiedene Arten des Umgangs mit einem Krebskranken kennengelernt:...
    Hallo Detlef,
    etwas befremdlich für mich war auch der gelegentliche Hinweis auf irgendeinen Urologen, von dem man gehört hätte, der ganz toll sein soll. Ja, so sind die Menschen, nehmen wir es ihnen nicht krumm.

    Danke auch, dass Du das Thema getroffen hast und nicht so sehr Deine eigene Heldengeschichte in den Vordergrund gerückt hast. Da gibt es offensichtlich Bedarf, vielleicht starte ich mal einen gesonderten Thread…?
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  7. #7
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    Du musst kämpfen

    "Das sagen Ärzte und Angehörige und alle, die es gut meinen mit dem Krebspatienten. Doch oft machen sie dem Kranken das Leben so noch schwerer – und das Sterben auch.

    Einmal, es ist schon lange her, da habe auch ich diesen Satz gesagt: 'Du musst jetzt kämpfen!' Keinen anderen Satz meines Lebens bereue ich so sehr wie diesen.

    Dabei ist es ein Allerweltssatz, der an Popularität in all den Jahren seither nichts eingebüßt hat und gewiss gerade auch heute irgendwo fällt, und das in bester Absicht. Jetzt musst du kämpfen – das ist die reflexartige Antwort der allermeisten Menschen, wenn ihnen ein Freund, Kollege oder naher Verwandter offenbart, dass er Krebs hat. Es ist der Versuch die Todesangst zu verdrängen und stattdessen in die Gegenoffensive überzugehen, wenigstens rhetorisch Krebs und Kampf scheinen sprachlich und gedanklich zusammenzugehören wie Angriff und Verteidigung. Was könnte man dem Patienten auch Besseres zurufen als diesen optimistischen Apell, jetzt bloß nicht den Mut zu verlieren, sondern alle Abwehrkräfte zu mobilisieren und den entschlossenen Kampf gegen die schreckliche Krankheit aufzunehmen? Es klingt so plausibel. Doch nicht alles, was sich richtig anfühlt, ist klug und hilfreich. Tatsächlich ist dieser Satz und der Gedanke, der sich damit verbindet, eine Katastrophe. Er hinterlässt oft eine Schneise der Verwüstung in den Seelen todkranker, leidender und sterbender Menschen. Er vergrößert den Kummer und verschlimmert das Leid. Höchste Zeit für ein Plädoyer gegen die Kampfrhetorik am Krankenbett."


    So beginnt ein, wie ich meine, bemerkenswerter Artikel in der FAS vom 29. Oktober 2017, geschrieben von Markus Günther.

    Auch ich habe natürlich diese Kriegsanalogie oft und reflexartig gebraucht, denke aber wie Herr Günther heute deutlich anders darüber, denn auch für Krebspatienten sollte das Leben im Vordergrund stehen. Das bedeutet nun nicht, dass man sich der Krankheit fatalistisch hingibt. Wäre es nicht sinnvoller es als Reise zu beschreiben, als Reise durchs Leben, die wir alle gehen, die nun aber eine andere Route einschlägt? Eine Strecke mit mehr Hindernissen, mehr Belastungen, eingeschränkten Möglichkeiten aber auch weiterhin schönen Momenten, die wir genießen sollten?

    Markus Günthers Artikel endet dann mit schonungsloser Selbstkritik:

    "Es war ein Tag im Frühling, an dem ich den Satz sagte, den ich so sehr bereue: 'Jetzt musst du kämpfen.' Schon im Herbst hatten wir Mutter beerdigt. Sie hatte für meine Schlachtrufe keinen Sinn. Große Operationen, Chemotherapie, sie machte alles mit, aber sie sah auch bald, das s ihr Leben zu Ende ging und das angebliche Kämpfen aussichtslos war. Einmal sagte sie: 'Ich will nicht kämpfen. Ich will leben.' Dass ich es ihr mit meinem Apell unnötig schwer gemacht habe, dass ich Unmögliches von ihr verlangte obwohl sie das Menschmögliche versucht hatte, habe ich erst viel später verstanden."
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  8. #8
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    Wenn ein Krebspatient in den USA verstirbt, so liest man oft: "he lost the fight against cancer". Aber hatte der Patient überhaupt die Möglichkeit diesen Kampf, wenn man es so bezeichnen will, zu gewinnen? In vielen Fällen ist die Krebstherapie doch nur auf eine Verlängerung des Überlebens gerichtet.

    Ich denke auch man sollte die Krebsbehandlung nicht als Kampf sehen. Das Leben nimmt einen anderen Verlauf und wie Konrad sagt: "Carpe diem".

    Georg

  9. #9
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    Ja, der "Kampf gegen den Krebs", das ist so ein Thema...

    Ich empfinde den Krebs als Feind, der mich vernichten will. Das ruft meinen Lebenswillen hervor, ich will mein Leben verteidigen, den Feind besiegen. Das ist martialisch, das ist Krieg.
    Freilich macht das nur Sinn, wenn eine Chance besteht, diesen Kampf zu gewinnen - und sei sie noch so klein.
    Gäbe es sie nicht, würde ich mich zurücklehnen und die letzten Jahre geniessen, so gut es geht.
    Aber solange ich es für möglich halte, wieder krebsfrei zu werden, biete ich alle meine Kräfte auf, um dies zu erreichen. Ich kämpfe um mein Leben.
    Meine Waffen: medizinische Behandlungen, Sport, spezielle Ernährung, Entspannung, Auseinandersetzung mit dem Tod (und nicht, wie Markus Günther schreibt, die Verdrängung der Todesangst), Meditation, NEM, und vor allem: das Leben bewusst geniessen. Kämpfen gehört zum Leben - das ist für mich überhaupt kein Widerspruch. Jedes Tier, das angegriffen wird, kämpft (oder flieht).
    Kampf ist Ausdruck des Lebenswillens, der Lebenskraft, ist ein Aufbäumen gegen die Hilflosigkeit, die Ohnmacht, die Angst.
    Gerade im Kampf kann man seine Lebendigkeit erfahren, er schärft die Sinne, mobilisiert Energien. Vor dem Hintergrund eines möglichen Todes leuchtet das Leben hell auf.
    Der eigentliche Kampf findet dabei im Innersten statt, in der Psyche. Die lebensbejahenden Kräfte gegen die lebensverneinenden. Lebensfreude gegen Lebensmüdigkeit. Mut gegen Angst. Die Herausforderung annehmen gegen die Flucht davor.
    So empfinde ich es.
    Und deshalb würde ich jedem Mut machen wollen, in dem ich den Funken der Lebenslust noch glimmen sehe.

    Meiner alten Mutter im letzten Stadium natürlich nicht. Da geht es nur noch um das Annehmen des Unabänderlichen. Doch selbst in der Kapitulation kann ein Sieg stecken: der Sieg über die Angst.

    Detlef

  10. #10
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    Ich habe mich einmal gewundert als mir ein älterer Arbeitskollege nachdem er eine Gehirnblutung überstanden hat gesagt hat: "Du must so leben wie wenn der Tag dein letzter wäre" Also nicht mehr schauen etwas fürs Alter auf die Seite zu legen. Kann ja sein das du nichts mehr davon hast.

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