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Thema: Eine Frage an den Strahlentherapeuten Daniel Schmidt

  1. #1
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    Eine Frage an den Strahlentherapeuten Daniel Schmidt

    Hallo,
    private Nachricht geht nicht, deshalb öffentlich:

    Ich habe mich entschieden, die (neo)adjuvante ADT zur Bestrahlung (Zoladex) nach einem Jahr vorzeitig abzubrechen, weil die Nebenwirkungen unerträglich sind und von Lebensqualität nicht mehr die Rede sein kann. Geplant waren 24 Monate.

    Es ist mir bewusst, dass ich damit ein höheres Risiko für ein Rezidiv eingehe. Gibt es Erkenntnisse, um wie viel höher das Risiko dann ist und würde es Sinn machen, bei einem signifikanten PSA Anstieg zu versuchen, das Testosteron mit Bicalutamid 150 zu beeinflussen? Der letzte Wert im November lag bei 0,18.

    Um eine Antwort wäre ich wirklich dankbar.

    Viele Grüße

    Martin
    Lokal fortgeschrittenes Prostatakarzinom
    PIRADS 5
    Gleason 4 + 5 = 9
    cT3b cN0 cM0
    Erstdiagnose 12/2018 nach PSA 38,8
    Therapie: perkutane Radiotherapie, ADT (Zoladex)

  2. #2
    Registriert seit
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    Sie leiden an einem very-high risk Tumor mit cT3b und GS9.

    Einen direkten Vergleich zwischen 1 Jahr und einer länger andauernden Behandlung gibt es nicht. Die Studien verglichen im Standardarm kürzere Zeiten.
    Die Dauer der Langzeit-ADT bei Hochrisikokonstellation wird von den meisten immer noch mit 3 Jahren, analog der Studie von Bolla praktiziert.

    Bolla hatte in seiner ursprünglichen Arbeit knapp 5% Vorteil im Gesamtüberleben nach 5 Jahren gezeigt beim Vergleich 6 Monate mit 36 Monate.

    Eine 2018 erschienene Studie aus Kanada verglich 3 Jahre mit 1.5 Jahre und fand keinen Unterschied (Nabid et al). Die Studie hat ein paar Einschränkungen, damit man sie direkt auf Ihre Situation übertragen hat, es waren beispielsweise eher Patienten mit GS8-Tumoren und T2/T3a-Stadien drin, sehr wenige Patienten mit GS9 oder cT3b. Daher ist es etwas fraglich, ob die Erkentnisse daraus 1:1 auf Ihre Situation übertragbar sind, da Sie einen aggressiveren Tumor hatten.

    Wenn Sie die augewerteten Untergruppen der RTOG 9202 anschauen (Vergleich 4 Monate mit 28 Monate ADT), so gibt es die grössten Unterschiede in der Gruppe GS8-10 und die Unterschiede dort sind grösser, eher 10% nach 10 Jahren beispielsweise.

    Zusammengefasst, denke ich dass Sie vermutlich 5% Nachteil im Gesamtüberleben (=Heilungsaussicht) habe, wenn Sie mit der Hormontherapie nach 12 Monaten komplett aufhören. Das ist aber eher ein Berechnung aus den verschiedenen Studien und anhand Ihres Risikoprofils, die Studie, die genau auf Ihre Situation passt, gibt es nicht.

    Bicalutamid könnte in der Tat ein alternativer Weg sein, dafür liegen leider noch weniger Daten allerdings vor. Wir wissen immerhin, dass es in der postoperativen Situation mit Salvage-Radiotherapie funktioniert (RTOG 9601).
    Wenn Sie Bicalutamid 150mg/d besser vertragen, könnten Sie es einsetzen. Allerdings würde ich nicht warten, bis das Testosteron wieder steigt, sondern gleich beginnen.
    Der Strahlentherapeut.

    Alle Angaben sind nur Empfehlungen und basieren auf die verfügbaren Informationen. Sie ersetzen keinesfalls eine persönliche Beratung und Betreuung durch den behandelnden Arzt. Keine Arzthaftung.

  3. #3
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    Herzlichen Dank für die ausführliche Antwort!

  4. #4
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    Gerne! Ich wünsche Ihnen Alles Gute
    Der Strahlentherapeut.

    Alle Angaben sind nur Empfehlungen und basieren auf die verfügbaren Informationen. Sie ersetzen keinesfalls eine persönliche Beratung und Betreuung durch den behandelnden Arzt. Keine Arzthaftung.

  5. #5
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    Hallo, Martin,

    ich war 2007 in einer ähnlichen Situation, allerdings mit niedrigerem PSA, dafür mit einem Gleason 4+5 + Kapselüberschreitung + Nervenscheideninvasion.
    Meine Therapie: Zunächst weiträumige Lymhknotenentnahme (22 Stück) im Rahmen einer vorgeschalteten minimalinvasiven Bauchspiegelung. 2 Knoten waren befallen, was eine kurative Therapie noch sinnvoll erschienen ließ. OP wegen der Kapselüberschreitung ausgeschlossen, dafür externe Bestrahlung (3D konformal, heute eher IMRT, inkl. kleinem Becken) unter gleichzeitiger Antihormontherapie mittels Spritze (Trenantone). Diese habe ich für 4 Jahre ausschleichend fortgeführt, allerdings mit einem Antiandrogen (Casodex + Avodart, einem Alpharezeptorenblocker). Bin seitdem beschwerdefrei bei einem PSA zwischen 0,10 und 0,25.
    Da mein Testosteronspiegel über die gesamte Zeit sehr niedrig war, obwohl er sich unter dem Antiandrogen eigentlich erholen sollte, waren mein Uro und ich nach weiteren zwei therapiefreien Jahren ohne Rezidiv mutig und haben vor 6 Jahren eine Hormonersatztherapie erfolgreich gestartet, die u.a. auch von Prof. Schostack aus dem Forum befürwortet wird, wenn die Umstände stimmen. Mein Testospiegel bewegt sich heute im mittleren Bereich. Die Libido ebenfalls.

    Soweit zu meinem Fall. Ich wünsche dir Erfolg bei deiner Therapie. Ein wenig Glück brauchst du so oder so.

    Knut
    Alles bleibt anders

  6. #6
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    Danke Dir, Knut.

    Ich bin mal gespannt auf die PSA Entwicklung. Der Wert wird sicher steigen, da nach den Bestrahlungen - anders als bei einer radikalen OP - noch PSA-produzierendes Gewebe vorhanden ist.

    Dir weiterhin alles Gute!

    Martin

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