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Thema: Mein Mann ist gestorben

  1. #161
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    Mein Mann ist nun zwei Jahre tot. Vom Zeitgefühl her ist es einmal kurz, einmal lange, seltsam wie verschieden ich das empfinde. Ich bin nach wie vor in der Wohnung in Hamburg, schiebe die Aufgabe derselben vor mir her, sowie erforderliche “Räumarbeiten”.

    Da Wetter ist heute wie vor zwei Jahren. Es erstaunt mich, dass ich das erinnere, bin ich doch ein Mensch der selbst lang anhaltende Gut- oder Schlechtwetterperioden schnell vergisst. Doch als vor ein paar Tagen, in größerer Runde behauptet wurde, so kalt und regnerisch sei es um diese Jahreszeit noch nie gewesen, dachte ich, stimmt nicht, vor zwei Jahren war es auch wochenlang so. Und dann merkte ich, dass ich genau weiß wie das Wetter war als Mama, als Papa starb. Wie kann man so etwas Unwichtiges in einer hoch dramatischen Situation, abspeichern.

    Es ist leicht, gibt ein gutes Gefühl, Dinge zu verschenken, aber wie schwer ist es Dinge von meinem Mann zu entsorgen. Unlängst habe ich hunderte DVD’s durchgesehen die Werner vom Fernseher aufgenommen hat. In seinem letzten Jahr war das eine häufige Beschäftigung. Meine Mama hatte das mit Opernmusik getan. Wenn man schon das eigene Leben nicht festhalten kann, vielleicht hat man das Bedürfnis Töne und Bilder die einem wichtig sind, festzuhalten. Weniges habe ich für mich auf die Seite gegeben, also der allergrößte Teil interessiert mich nicht wirklich. Aber ihm war es wichtig und mich ist Wehmut überkommen weil ich wieder ein Stück von ihm in den Müll gebe. In ein paar Jahren werde ich mich nicht mehr an alles Einzelne erinnern was ihm Freude machte, interessierte. Das finde ich traurig. Ich denke dann an all den Kram, den ich einmal hinterlasse und nicht zum ersten Mal fasse ich den Vorsatz beherzt zu entsorgen, mit warmer Hand zu verschenken. Aber dann: noch lebe ich ja und warum soll ich reduziert, penibel aufgeräumt leben, nur um es meinen Erben leicht zu machen. Nächster Gedanke: vielleicht würde ich leichter leben, reduzierte ich nur!

    Nachdem ich wenige Monate nach seinem Tod bis auf ein paar Sachen ziemlich problemlos die ganze Kleidung wegschenken konnte, ist es mich nun hart angekommen die letzten zwei Paar Schuhe von ihm wegzugeben. Dinge, in denen noch ein paar Moleküle von ihm waren. Ich habe meine Hände in die Schuhe gelegt bevor ich sie in eine Tüte stopfte.

    Im Bergdorf habe ich einen großen Karton voll Briefe von ihm, auf die ich mehrmals einen bewußten Blick geworfen, die ich bisher nicht wieder gelesen habe, die mir aber ein Schatz sind. Einige Zettelchen mit kurzen Botschaften gibt es auch, von denen ich früher die meisten total unbedacht weg geworfen habe, war doch steter Nachschub scheinbar sicher und selbstverständlich. Unlängst habe ich eines gefunden und dabei eine geradezu kindische Freude empfunden. Ich weiß nicht von wann das war, anscheinend war ich bei einer Untersuchung oder Behandlung gewesen und Werner konnte mich nicht daheim erwarten. Aber da waren seine lieben warmen Worte des Bedauerns für mich schrecklich Arme, sowie ganz praktisch, was er alles für mich eingekauft hatte, worauf ich achten sollte und er so schnell wie nur möglich bei mir sein wollte. Er war immer so bedacht, dass es mir gut geht, ich alles habe und bekomme, umsorgt und glücklich bin.

    “Seine” Musik bewegt ganz viel in mir, sowie Mamas Musik. Ich staune immer wieder wie rasend schnell das geht. Ich bin beschäftigt, denke nicht an ihn oder Mama, dann gibt es den einen speziellen Ton und schon spüre ich mein Herz, kommen mir die Tränen. Es ist nicht zu fassen, wie schnell das Hören Gefühle auslöst, sich die Augen mit Tränen füllen, ich mich mit Sehnsucht, mit Mitleid, weil sie so viel erdulden mußten, und willentlich ist da dann rein gar nichts aufzuhalten. In solchen Situationen denke ich oft, dass trotz meiner jeweiligen Anwesenheit, meiner großen Bereitschaft bei ihnen zu sein, das Sterben ein recht einsames Geschäft bleibt. Es ist so, dass ich bei meinen drei Lieben an deren Ende den Eindruck hatte, dass sie mich nicht mehr wirklich brauchen, es aber für mich wichtig ist an ihrer Seite zu bleiben. Aber ich kann ja nicht fragen wie es für sie war. Vermutlich werde ich es bis ans Ende meiner Tage schrecklich bedauern ihr Sterben und meine Trauer nicht mit ihnen besprechen zu können. Da kann auch kein anderer Mensch ein Ersatz sein, mit meinem Mann, mit Mama und Papa möchte ich darüber sprechen. Diese Einsamkeit beim Sterben, das sich nicht Austauschen können danach, betrifft uns ja alle. Sowohl das eine als auch das andere.

    Ich bin schon länger dabei ein neues Adressenbuch anzulegen. Es wäre erst das vierte in meinem Leben, ich hänge immer an den abgegriffenen Büchern, bewahre die alten auf. Ein traurige Angelegenheit ist es dieses Mal und ich tu da schon lange damit herum. Eine ganze Generation ist sozusagen weggebrochen, deren Adressen nicht mehr aufgenommen werden. Keine einzige Tante mehr, kein Onkel, etliche nahe Menschen, so viele - tot. Nun bin ich doppelt froh, sozusagen schwarz auf weiß zu sehen, dass in den letzten Jahren auch neue Adressen von Menschen dazu gekommen sind, die ich gerne hab.

    Es kommt so gut wie keine Post mehr für ihn. Hie und da ein Katalog von einem Antiquariat. Keine amtlichen, behördlichen Aufforderungen etwas zu machen, zu tun, einzureichen. Niemand will, erwartet etwas von ihm, sein Name ist überall gelöscht. Er ist nicht mehr.

    Doch mir ist mein toter Mann sehr präsent, ich habe ihn gut in mir, die Liebe bleibt und wird mit meinen Erinnerungen als Verbindung weiter bestehen. Ich gehe ohne ihn weiter, mache was ich will, gehe wohin ich will, er bleibt in mir - auf (s)eine sanfte zurückhaltende Art. So ganz richtig tot wird er erst mit meinem Tod sein.

    Ich habe in diesem thread einmal geschrieben, dass ich versuche den guten Eigenschaften meiner Toten Leben zu geben und wie mir das bei meinen Eltern ganz gut gelingt.
    Die Latte bei meinem Mann ist sehr hoch, da kann ich mich nur bemühen halbwegs in die Richtung zu steuern. Er war so ein unglaublich liebenswürdiger, freundlicher, aufmerksamer, toleranter, großzügiger Mensch, dabei gescheit, witzig, humor- phantasievoll, mit innerer Noblesse, hat nie etwas Unrechtes getan, ist mit jedem vorsichtig umgegangen, hat fast immer ein wenig mehr, sowie tiefer gesehen, gehört, als die meisten Menschen. Ach, noch vieles mehr. Ich bin froh ihm das zu Lebzeiten öfter gesagt zu haben und es jetzt nicht nur hinterher zu schreiben. Ich verdanke ihm sehr viel.
    Auf seine Kaufsucht, die nicht oft, aber zu Spitzenzeiten doch das eine und andere Mal von mir bekrittelt wurde, blicke ich nun mit mildem Auge, innerlich lächelnd. Und so ergeht es mir auch, wenn ich an seine fast schon hysterischen Reaktionen auf Lärm denke, bei denen er mir manchmal ein wenig fremd war. Ich bin ja fast erleichtert, dass es diese zwei kleinen Irritationen in unserem gemeinsamen Leben gab, wer möchte schon mit einem Heiligen leben.

    Wenn ich im Forum über die Unternehmungen, Aktivitäten, einzelner lese die nicht so super beisammen sind, bin ich beeindruckt und bedaure dann, dass wir es nicht hinbekommen haben - ja was - dem Leben mehr Leben zu geben? Vielleicht waren wir träge, das wäre die schlechte Variante. Vielleicht hat es so gepasst. Vielleicht hätte ich pushen sollen. Es war wie es war. Ich habe das Thema nun aber doch bewußter im Blick, man kann ja immer etwas dazu lernen, sein bisheriges Verhalten überdenken, Neues ausprobieren. Das mache ich.

    Es geht mir gut. Das hat wesentlich damit zu tun, dass ich mit meinem Mann so ganz im Reinen, voll Dankbarkeit für das Gehabte bin, und weil ich eine neue Liebe in meinem Leben habe. Jeder der mir etwas bedeutet, freut sich darüber. Es geht erstaunlich gut meinen Mann weiter zu lieben und einen anderen neu zu lieben. Einige sagen Werner habe mir vielleicht R. geschickt, was ich einen seltsamen Gedanken finde. Es war Zufall, es war Glück, wir haben es gewagt und ich muß ehrlich sagen, dass ich nach wie vor über meinen Mut ziemlich erstaunt bin. Es geht mir nicht nur gut, ich bin meistens sehr glücklich und .. hey R. an dieser Stelle ein Danke, dass Du meine zeitweise Trauer nicht nur gut aushältst, sondern auch Du Werner mit hinein in unser Leben nimmst.

    Liebe Grüße und gute Wünsche an Euch.
    Habt es gut und fein
    Briele

  2. #162
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    Ein anderer Todestag



    In diesen Tagen bin ich mit meinen Gedanken viel bei meiner lieben Mama und während ich jetzt schreibe lebte sie vor 16 Jahren ihre letzten Stunden, war es ihre letzte Nacht. Sie atmete ein, sie atmete aus, an einer Seite ihres Bettes die Infusion, ihr Begleiter der letzten vier Wochen, auf der anderen Seite ich. Einige Male hatte ich die Nacht über bei ihr bleiben wollen, immer hatte sie mich weg geschickt, heim zu Papa, der mich auch brauchte. Und dann, an jenem Nachmittag, wir konnten noch ein wenig miteinander sprechen, einander in die Augen blicken, sie legte ihre Hand mehrmals an meine Wange, sagte ich, heute schlafe ich hier und sie nickte.

    Es war eine wilde, stürmische Nacht. Und Mama wurde immer ruhiger. Ich fragte ganz leise die Nachtschwester ob es jetzt zu Ende geht, sie zuckte die Achseln und ich deutete das ruhige Atmen meiner Mutter falsch. Ich dachte es gehe ihr besser. Aber vielleicht stimmte das ja.

    Ich lag auf dem Bett, ich saß neben Mama, streichelte sie, cremte ihre Füße ein und habe Jahre später erfahren, daß man bei Sterbenden nicht bei den Füßen herum tun soll, ich wußte es damals nicht besser. Ich sang ihr leise kleine Liedchen vor, ich kann nicht singen, erinnere kaum Texte, ich weiß nicht warum ich es tat. Ich legte meine Wange an die ihre, flüsterte ihr ins Ohr wie schrecklich gerne ich sie habe.

    Sie hatte keine Angst vor dem Tod gehabt, sich aber verzweifelt gewünscht den harten Weg dahin abzukürzen. Ich habe hier schon einmal darüber geschrieben. Wenn ihr etwas Sorge machte, dann, wie ich zurecht komme.

    Sie war der wichtigste Mensch in meinem Leben. Immer da, immer zugewandt, dabei kritisch, aber eben stets liebevoll. Vieles hat uns verbunden.

    Ich hatte naiv gedacht mich ein wenig auf den Verlust vorbereiten zu können. Als ob man das könnte! Jahre vor ihrer Erkrankung las ich Bücher wie „Wenn die alten Eltern sterben“, oder „Ich spür noch heute ihre Hand“. Und ich hatte weich gezeichnete innere Bilder wie die letzte Zeit sein würde. Die Wirklichkeit war ganz anders.

    Und meine Trauer, meine Verlassenheit war dann um vieles schrecklicher als sie und ich uns das je hätten vorstellen können. Es war mein erster, mein größter Verlust und ich habe Jahre gebraucht bis ich halbwegs darüber hinweg gekommen bin.

    Leute die sie kannten sagen nun immer häufiger ich wäre ihr sehr ähnlich, das macht mich froh und es ist in diesem Zusammenhang angenehm, daß ich nicht zu jenen Töchtern zähle die um nichts auf der Welt wie ihre Mütter sein möchten. Glück gehabt.,

    „Die Toten ehren“ ... wie kann man das machen, so man es tun will. Ich möchte ihren guten Eigenschaften Leben geben, so gut ich es kann. Die beste Eigenschaft meiner Mutter war für mich ihr achtsamer, aufmerksamer Umgang mit jedem und allem. Das war toll, das hat mir immer gefallen und da bemühe ich mich gerne darum. Anderes möchte ich gerne, kann ich aber nicht so gut: sie hatte Durchhaltevermögen, irgendwie Biss, Dinge die nicht auf Anhieb klappten mehrmals zu versuchen und sie war überhaupt nicht wehleidig. Ach, sie war und hatte vieles. Unter anderem eine romantische Vorstellung von der Liebe die mich anrührte, die ich nicht verstand und die wohl ihrer Liebe zur Oper geschuldet war. Ich denke nach was nicht so gut war, es fällt mir nichts ein, außer daß sie vielleicht manchmal ein wenig nachtragend war.

    Ihre Geschwister, deren Ehepartner, ihre Freundinnen, Bekannte - so gut wie alle sind tot. Es denken noch Menschen an sie die sie kannten. Nie hätte ich damals jedoch gedacht, daß einmal Leute an sie denken werden, die sie nur aus meinen Erzählungen kennen. Mehr als das: die ihren Geburtstag, ihren Todestag im Kalender stehen haben und dann an sie denken, an mich, die Tochter, die eine Kerze für sie anzünden, mir zuhören wenn ich über sie sprechen möchte. Das ist doch schön! Und umgekehrt denke auch ich an Menschen die tot sind und die ich nicht kennenlernen durfte. Aber ich kenne deren Geschichten und sie sind in meinem Kopf, in meinem Herzen und manchmal träume ich sogar von ihnen.

    Wir sollten uns nicht scheuen über unsere Toten zu erzählen, meine Güte, man merkt ohnehin schnell wenn das einer nicht hören mag und umgekehrt sollte man aufmerksam zuhören wenn einer darüber sprechen will. Es lohnt und wert ist es allemal ein jeder.


    Briele










  3. #163
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    Geburtstag

    Heute hätte mein Mann seinen 84igsten Geburtstag und ich höre seine Musik, blättere in seinen Büchern und überlege ernsthaft wie ich wesentliche Teile, komplette Sammlungen seiner Bibliothek gut weitergeben kann. Es sind dies vor allem Bereiche die ihm wichtig, mir danach heilig waren, die aber nur wenig beachtet von mir sind. Manchmal streiche ich im Vorbeigehen mit einer Hand über die Buchrücken. Ich habe Fotos angesehen, die ich von ihm gemacht habe, und seine alten Fotoalben. Das blasse, schmale Kriegskind, der hoch aufgeschossene, ernst und skeptisch dreinblickende junge Mann, jeweils Alben mit Ehefrau Nr.1, mit Ehefrau Nr.2 auf Urlaub, im Garten, glückliche Gesichter, und mit Ehefrau Nr.3 – mir – gibt es kein Foto. Das muß man sich einmal vorstellen, es gibt nach mehr als 26 gemeinsamen Jahren kein einziges Foto von uns beiden. Unbegreiflich und nein, ich mochte nach seinem Tod keine Fotomontage anfertigen.

    Im letzten Jahr konnte ich zwei Dinge gut weitergeben, noch dazu an Menschen die ihn kannten, schätzten und das fand ich sehr erfreulich. Das eine war Werners Fahrrad an einen Mann dem das seine gerade geklaut worden war. Jetzt steht es manchmal vor dem Haus und der Mann sagt, er habe noch nie so ein tolles Rad gehabt. Das andere war der Crosstrainer, der insgesamt vielleicht 20-30 Minuten als solcher benützt, sonst lediglich als Kleiderablage diente. Er war gedacht als super–duper–originelles Geburtstagsgeschenk von mir an Werner. Nun steht er in einer Wohnung zwei Stockwerke unter mir. Ich bin froh, daß R. mir zugeredet hat das Ding zu verschenken und nicht zu verkaufen.

    Ich mache das ja nicht nur weil ich so eine Gute bin, um Menschen eine Freude zu machen, ich will, daß auch andere manchmal an ihn denken, ihn nicht vergessen. Ich spreche über ihn, das ist das Wichtigste, aber manchmal ist es gut, die Erinnerung an einer sicht- und greifbaren Sache fest zu machen, das weiß ich aus eigener Erfahrung.

    Nie wieder wird es einen Menschen geben wie Werner. Kein wirklich neuer Gedanke, schon klar, jeder von uns ist einzigartig. Ich werde ihn nie mehr sehen, erleben, und auch niemanden der so ist wie er, der zu mir so ist wie er, dem ich das bin was ich meinem Mann war. Man weiß das und auch, daß die Geschichte die man mit einem Menschen hat, immer einzigartig ist. Abgesehen vom lieben Menschen an sich, gibt es einiges was ich nicht mehr habe und vermisse, sowie ich anderes habe was neu in mein Leben gekommen ist und mir Freude macht. Ich will nicht vergessen was ich hatte, mir bewußt sein was ich neu bekommen habe und über beides dankbar sein, mich freuen.

    Vorhin habe ich in meinem Tagebuch gelesen. 2011 begann Werner zu sagen, nun habe ich noch ein Jahr. Das kam so: Nach der Operation 1997 sagte sein Urologe zu ihm, also bis zum 80igsten bringe ich sie auf jeden Fall. Die Zeitspanne klang beruhigend lange, für Werner war es so etwas wie ein Versprechen. Wir wissen alle wie es ist, die Zeit rast so dahin, was erst lange scheint, ist dann doch zu kurz.

    Es war so merkwürdig. Einerseits war er ein Mensch der wenig glaubte, andrerseits hatte er in manchen Bereichen oft ein magisches Denken. Und dieses Datum gehörte eindeutig dazu. Er war nicht davon abzubringen. Ich glaube nun wirklich nicht, daß er deshalb starb, seine Krankheit aus diesem Grund so dramatisch fort schritt, aber gut war die Einstellung vermutlich nicht. Ich habe es einmal kurz bei seinem Arzt angesprochen, nicht vorwurfsvoll, ich habe mir gedacht, daß er ähnliche Äußerungen in Zukunft dann vielleicht ein wenig überdenkt. Er konnte sich nicht daran erinnern, sagte, er wäre schon länger erstaunt, hätte nicht gedacht, daß es so lange gut geht.

    Es ist ja auch schwer für Ärzte. Einerseits war die zeitliche Prognose, die von Werner als Versprechen empfunden wurde, ja eine klasse Sache und es wird schon ein wenig so sein wie eine Arztfreundin sagte: „the doctor is the drug“. Ich denke es ist für Patienten wahnsinnig wichtig, daß der Arzt Zuversicht vermittelt, aber ich denke Zeitangaben sind so und so eine heikle Sache.

    Das Jahr ist noch jung. Als das alte zu Ende ging dachte ich, es läuft granatenmäßig toll aus und das Neue beginnt super. Warum? Mein vierwöchiges Leiden an einer Gürtelrose war vor Weihnachten beendet und alleine diese gemeinen Schmerzen los zu sein, hob meine Lebensfreude unheimlich. Vielleicht stimmt ja der Satz, den ich sonst bezweifle: „Gesundheit ist nicht alles, aber ohne Gesundheit ist alles nichts“.

    Ich hatte ein wirklich gutes Jahr. Außerhalb meines kleinen Lebens war es ja ein schreckliches. Ich finde man kann und darf aber auch eine ganz persönliche Rückschau halten, losgelöst von dramatischen Geschehen in der Welt und, Ihr Lieben hier, ich hatte ein schönes Jahr. Am Ende des Sommers dachte ich, dies war wahrscheinlich der beste meines erwachsenen Lebens. Weil ich beruflich so gut wie immer mit Tourismus verbandelt war, gab es von Mai bis September praktisch jahrzehntelang nur Arbeit bis über die Ohren und davon von Jahr zu Jahr mehr. Als dies weniger bis vorbei war, begannen die Jahre der Sorgen, des Kummers, der Angst. Im Sommer war ich meistens für einige Zeit in meinem Bergdorf gewesen, gerne ja, aber auch mit etwas schlechtem Gewissen Werner gegenüber.
    Und nun Sommer 2015, frei von Arbeit, Pflichten, Sorgen, Angst. Die mir Nächsten, gesund und glücklich. Die Hälfte des Sommers mit dem lieben Rastaman der mir meine Heimat zeigte (ist wirklich so!) und wettermäßig dann auch noch perfekt. Ich fand es gut mir all dessen bewußt zu sein, sowie zu wissen, daß es ganz schnell anders sein kann. Vielleicht muß man ein Kind oder ein älterer Mensch sein um besser im Jetzt und Heute leben zu können.
    Es gab natürlich auch trübere Stunden mit Sorgen um Menschen, es gab Enttäuschungen, Ärger, Irritationen, aber alles in allem ein pralles, lebendiges Jahr, das mich glücklich gemacht hat, mir gefallen hat. Wünschen darf man ja und ich wünsche mir, daß alles möglichst so bleibt wie es ist, wohl wissend, daß dies kaum je der Fall ist.

    Für Euch alles Liebe, alles Gute, erfüllte Wünsche und Hoffnungen.Habt es gut und fein.
    Briele









  4. #164
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    Der dritte Todestag
    Ich möchte hier noch einmal schreiben.

    Mit größter Wahrscheinlichkeit werde ich in einem Jahr um diese Zeit nicht mehr in Hamburg, in Werners Wohnung sein, die im wesentlichen nach seinem Tod so blieb wie sie war. Diesen speziellen Kosmos wird es dann nie, nie mehr geben, das wird für immer vorbei sein. Seine Lieblingsplätze in der Stadt kann ich dann nur in meiner Phantasie besuchen, lediglich ein Teil seiner Dinge werden im Bergdorf stehen, irgendwie erscheint mir diese Auflösung wie eine weitere traurige Facette seines Todes. Doch bliebe ich hier würde ich vieles verändern wollen. Es ist halt so im Leben, zumindest in meinem: ich will es lebendig haben, mag Änderungen, Herausforderungen, zugleich nehme ich von jedem und allem schwer Abschied.

    An Tagen wie diesen sind Gedanken nicht nur zugespitzter, sie drehen sich wie in einem Karussell. Zu Werners Leiden, seinem Tod, packen sich die von anderen dazu. Die Einschläge um mich herum sind dichter geworden. Eben zähle ich die Verstorbenen des letzten Jahres auf, bedenke, was unwiederbringlich durch deren Tod für mich verloren ging, was ich ihnen bedeuten durfte.
    In diesen Tagen höre und sehe ich Werner immer wieder sagen… ein, zwei Jahre später und ich könnte mit Hilfe von Medikamenten noch Zeit gewinnen …. Er hat das zwar nicht oft gesagt, nicht bitter, aber ich denke jetzt dauernd daran.
    Ich stehe am Fenster und sehe meinen Mann. Einmal aufrecht, mit schnellem Schritt, dann gebeugt, die Arme gekreuzt auf dem Rücken, ich kann viele Bilder herbei holen, 26 Jahre sind eine lange Zeit. Bis jetzt ist alles mehr oder weniger so wie zu seinen Lebzeiten: Drinnen in der Wohnung, draußen auf der Straße, die Bäume sehen aus wie immer um diese Jahreszeit, Geräusche hören sich an wie früher, in Geschäften und Arztpraxen weitgehend die Menschen wie vor drei Jahren, nur Werner ist nicht mehr dabei, nicht mehr da. Dies alles in einem Jahr nicht mehr präsent zu haben, wird eine Zäsur sein. Nach dann vier Jahren (und ich empfinde es als Glück so lange Zeit gehabt zu haben) muß ich meine Gefühle vermutlich nicht mehr an Äußerlichkeiten andocken. Bei meiner Liebe zu Werner geht es jetzt ja auch um das was ihn ausmachte, um die Essenz. Und so wabern meine Gedanken hin und her, einmal traurig, einmal gelassen, voll Liebe und Dankbarkeit und immer wieder rufe ich mir zu: Carpe diem!

    Denk ich an Werner, so sehe ich in den letzten gemeinsam verbrachten Jahren ihn im Focus unserer Gemeinsamkeit, und ganz ausschließlich ist dies der Fall was die letzten Monate betrifft. Schwer zu beschreiben, also ich bin wohl irgendwie da, aber doch recht diffus. Und dann, beim toten Werner sitzend, ist das in meiner Erinnerung augenblicklich anders. Plötzlich sehe, fühle ich mich, bin auch im Geschehen und als erstes fällt mir das Gefühl von totaler Verlassenheit ein. Es ist völlig klar, wird allen so gehen, der Kranke ist die Hauptperson, man selbst tritt zurück. Was mich überrascht ist, daß ich mich aus meinen eigenen Erinnerungen an diese Zeit heraus gewischt, bzw. vielleicht nie abgespeichert habe. Und plötzlich, unmittelbar nach dem Tod meines Mannes ist es wieder anders. Ich bin in meinen Erinnerungen.
    Der Hinterbliebene erfährt natürlich sofort viel Zuwendung, ist plötzlich im Mittelpunkt. Die haben auf der Palliativstation damals alles richtig gut gemacht, also für mich hat es gepasst. Sie haben mir gleich Einiges angeboten: eine Pille zur Beruhigung, einen Psychologen, einen Pfarrer, eine ehrenamtliche Sterbebegleiterin. Ich habe erst alles dankend abgelehnt. Dann wurde ich nochmals gefragt ob die Pastorin vielleicht doch kommen soll, sie wäre gerade auf der Station. Ehrlich gesagt habe ich nur aus Höflichkeit zugestimmt und als sie kam sagte ich, mein Mann war nicht gläubig, ich bin es auch nicht. Die junge Frau nickte, setzte sich auf die andere Seite des Bettes und sagte, der hat aber schöne Haare, ihr Mann. Dann erzählte ich ihr von Werner. Die Anwesenheit der Pastorin war besänftigend und nach einiger Zeit fragte ich, ob sie im Stillen ein Gebet für meinen toten Mann und auch für mich beten würde. Sie tat es leise flüsternd, ich verstand kein Wort. Warum wollte ich nichts hören? Ich befürchtete Worte zu hören, die mich bedauern ließen, sie darum gebeten zu haben. Ein paar Tage später durfte ich ein Gespräch mit der Krankenschwester führen die bei Werner war als er starb. Das war wichtig. Das war gut.
    Ich habe damals etwas gelernt: Nicht so schnell dankend ablehnen, wenn jemand Hilfe anbietet, weil ich denke nichts und niemand kann mir helfen, keiner könnte mich verstehen. Es kann etwas dabei sein, was einem gut tut, etwas gesagt werden, was man zu einem späteren Zeitpunkt als hilfreich erkennt, was man vielleicht weitergeben kann.

    Das Gefühl von Verlassenheit war fast genauso schlimm wie meine Trauer. Mein Mann hat mir stets und in jeder Beziehung ganz viel Sicherheit gegeben, sein Interesse an mir, an allem was mich ausmacht war enorm. Ich habe von ihm, sowie von meinen Eltern soviel bekommen, es hätte für mein restliches Leben gereicht, selbst wenn ich nicht das unwahrscheinliche Glück einer neuen Liebe hätte. Mir war nicht klar warum ich mich neben meiner Trauer, dem Verlust, auch so schrecklich schutzlos und unsicher fühlte. Ich war doch immer eine gestandene Frau gewesen, die Entscheidungen trifft, mit beiden Beinen in der Welt steht, auch alleine gut zurecht kam und in den letzten Jahren für uns beide alles geregelt hatte. Aber das war nun weg, es fühlte sich schrecklich an und machte mir sogar Angst. Es war jedoch nicht für immer weg, nur wußte ich das damals nicht.

    Ich habe heute Klavierkonzerte von Beethoven aufgelegt und sehr bewußt zugehört. Wenn der Pianist ganz leise und zart zu hören war, spürte ich meinen Mann besonders nah. Mir war, als würden die leisen Töne das leise, sanfte Innere meines Mannes widerspiegeln. Er sagte von sich selbst, er sei ein weicher Keks, was ja nicht heißt, daß er einen an der Waffel hatte. Sein Äußeres ließ nicht sofort auf sein Inneres schließen. Und heute, weil ich ganz hin gegeben war, wurde die Musik und mein Werner eins.

    Jetzt verabschiede ich mich hier von Euch.
    Danke für alles.
    Habt es gut und fein.
    Briele








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