Konrad schrieb im Angehörigenforum als Erwiderung an Heribert:

Ich betrachte es nicht als meine Aufgabe, 'Mut' und 'Hoffnung' zu machen.
Das ist was für Pfaffen, Demagogen, Fussballtrainer und Lügner.
Eine steile These, über die ich nachgedacht habe.
In den 3,5 Jahren seit meiner Krebsdiagnose gab es Zeiten des Mutes wie der Mutlosigkeit, der Hoffnung wie der Verzweiflung.
Und es gab Menschen, die versuchten, mir Mut und Hoffnung zu machen. Das waren weder Pfaffen noch Fussballtrainer oder gar Lügner.
Konnten sie mir helfen?
Im allgemeinen wenig. Der Grund ist, dass sie von der Krankheit meist keine Ahnung hatten, und sich das Mutmachen auf leere Floskeln wie „Du schaffst das schon“, „Du wirst bestimmt 90 Jahre alt, da bin ich sicher“ beschränkte. Ich wusste, sie meinen es gut, aber gleichzeitig fühlte ich mich in meiner Sorge und Angst nicht ernst genommen. Teilweise reagierte ich allergisch auf solche Sprüche und dachte „Muss ich erst dran sterben, damit ihr die Gefahren dieser Krankheit anerkennt?“
Meine Mutlosigkeit hingegen beruhte auf Fakten oder das, was ich dafür hielt: Statistiken, Erfahrungen anderer, Beipackzettel, Prognosen. Aus der gleichen Ecke kam aber auch das, was mir wieder Mut machte: nämliche günstige Aussagen, gute PSA-Werte, Beispiele guter Krankheitsverläufe.


Den von Konrad zitierten Rat des Horaz:
Frage nicht - denn eine Antwort ist unmöglich -, welches Ende die Götter mir, welches sie dir,
Leukonoe, zugedacht haben, und versuche dich nicht an babylonischen Berechnungen!
Wie viel besser ist es doch, was immer kommen wird, zu ertragen!
Ganz gleich, ob Jupiter dir noch weitere Winter zugeteilt hat oder ob dieser jetzt,
der gerade das Tyrrhenische Meer an widrige Klippen branden lässt, dein letzter ist,
sei nicht dumm, kläre den Wein und verzichte auf jede weiter reichende Hoffnung!
Noch während wir hier reden, ist uns bereits die missgünstige Zeit entflohen:
Nimm den Tag (Carpe diem) und vertraue möglichst wenig auf den folgenden!


zu befolgen, dürfte den wenigsten gelingen. Wer eine neue Therapie beginnt, hofft, dass sie anschlägt. Wer verschiedene Optionen vergleicht, schaut auf die „babylonischen Berechnungen“ der Überlebenszeit. Und wer Zahnschmerzen hat, der nimmt nicht nur eine Schmerztablette, um für den heutigen Tag Ruhe zu haben, sondern geht zum Zahnarzt im Wissen darum, dass es ein Morgen gibt.

Und braucht es nicht Mut, um gesund zu werden? Glaube daran, dass man es schaffen kann? Die Hoffnung, dass man zu denen gehört, den es gelingen könnte?

Wenn man mit stoischer Gelassenheit sein „Schicksal“ erträgt, tut, was zu tun ist, ohne zu verzweifeln, und das Ergebnis akzeptiert, wie immer es ausfällt, dann mag man darauf verzichten können. Dieser Haltung habe ich mich nach den ersten wilden emotionalen Ausschlägen etwas angenähert.
Aber es gibt auch einen Lebenswillen in mir, dem nicht egal ist, ob mein Stündlein morgen oder in 20 Jahren schlägt. Es gibt tatsächlich so etwas wie „Kampfgeist“, der den Krebs als Herausforderung sieht, die es zu bewältigen gilt. Wenn sich abzeichnet, dass das nicht gelingt, dann kehre ich zu Horaz zurück. Aber bis dahin brauche ich Mut, diesen Kampf zu führen, und Hoffnung, ihn zu gewinnen.